Ulrike Theresia Wegele

Orgelschule mit Hand und Fuß

Band 2 (02517) und 3 (02518), dt./engl./frz.

Verlag/Label: Doblinger
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/03 , Seite 51
Band 2 dieser Orgelschule ist für alle bes­timmt, die alle im ersten Band* ver­mit­tel­ten Ken­nt­nisse und Fer­tigkeit­en sich­er beherrschen: „gutes Noten­le­sen, ein aus­ge­bildetes Rhyth­mus­ge­fühl und ele­mentare musik­the­o­retis­che Grund­ken­nt­nisse …“ sowie die Grund­la­gen des Ped­al­spiels. „Für Anmerkun­gen und schöpferisches Gestal­ten“ wurde im­mer wieder Platz freige­lassen; deshalb sollen „keine weit­eren Unter­richts­ma­te­ri­alien erforder­lich“ sein.
Ein Vorzug des Unter­richtswerks ist, dass die Schü­lerin­nen und Schüler ohne den Umweg über das Klavier zum Orgel­spiel geführt wer­den kön­nen. Den­noch wird emp­fohlen, mit ergänzen­dem Klavierun­ter­richt zu begin­nen, weil dadurch „manche Fer­tigkeit­en schneller erlernt und von ander­er Seite beleuchtet wer­den“. Ide­al­er­weise sollte dem Ler­nen­den ein min­destens zweiman­u­aliges Instru­ment mit mech­a­nis­ch­er Spiel­trak­tur und einem Schwell­w­erk zur Ver­fü­gung ste­hen. Der Gebrauch des Jalousi­eschwellers wird zunächst anhand der bei­den Man­u­aliter-Stücke „Offer­to­ri­um“ aus der Mis­sa pro Organo und Rosario von Franz Liszt geübt: „Hier kannst du den Schweller benutzen. Stelle den recht­en Fuß auf das Schwellpedal und pro­biere aus, wie es reagiert.“ Ergänzend dazu sind die Aus­drucks­be­deu­tun­gen der wichtig­sten dynamis­chen Abkürzun­gen und der Über­gangs­dy­namik auf deutsch, englisch und franzö­sisch angegeben – die kon­se­quente Dreis­prachigkeit liegt der Orgelschule zugrunde.
Mit dem 1884 von Anton Bruck­n­er kom­ponierten Perg­er Präludi­um wird die roman­tis­che Klanggestal­tung weit­er ver­tieft. Von Bachs Choralvor­spiel „Alle Men­schen müssen ster­ben“ aus dem Orgel­büch­lein ist nur die Ped­al­stimme abge­druckt. Als Nebenbe­merkung heißt es dazu: „Das Ped­al spielt ein Osti­na­to, das ist eine sich stetig wieder­holende musikalis­che Fig­ur … Über­lege dir eigene osti­nate Fig­uren für die Hände und das Ped­al und notiere sie …“ Dage­gen fehlt in der Elegie a‑Moll von Wegele eine eigene Ped­al­stimme, entsprechend ermuntert sie: „Welche Noten passen für das Ped­al? Notiere sie!“ Ein­fache Kaden­zen sind in den drei Lagen angegeben und man­u­aliter zu spie­len.
Ins­beson­dere Selb­st­studierende prof­i­tieren von den Video­clips der Autorin, die auf ihrer Home­page abgerufen wer­den kön­nen. Instruk­tiv wer­den Lösungsmöglichkeit­en zu Auf­gaben gezeigt; viele Übun­gen und Stücke sind vor­bild­haft aus­ge­führt zu sehen.
Das Kapi­tel „Fort­geschrit­tene Lit­er­aturstu­di­en“ begin­nt mit dem Präludi­um in g‑Moll aus den Acht kleinen Prälu­di­en und Fugen, die lange Zeit fälschlicher­weise Johann Sebas­t­ian Bach zugeschrieben wur­den. Cesar Bres­gens (1913–88) aparte Irische Pas­tourelle (linke Hand Quin­ten im tröchäis­chen Rhyth­mus, rechte Hand eine mit Flöte 4’ frei fließende Melodie) ist nicht nur Lit­er­aturstück, son­dern soll auch zu eigen­er Kreativ­ität inspiri­eren: „Impro­visiere in diesem Stil.“
Das musikalis­che Spiel mit den Füßen wird mit eini­gen Ped­al­soli geschult – u. a. aus der Toc­ca­ta op. 80/11 und Toc­ca­ta op. 69/6 von Max Reger. Der beschwingte Ped­al­walz­er von Ulrike There­sia Wegele ver­langt in Dop­pelpedal­tech­nik Geschick­lichkeit im Spiel von Spitze und Absatz. In ein­er „Kleinen Orgelkunde“ erfährt man Grundle­gen­des über die Köni­gin der Instru­mente.
Auf die „Geschichte der Orgel“ wird kurz im drit­ten Band einge­gan­gen. Sodann „wer­den die tech­nis­chen Fer­tigkeit­en weit­er aus­ge­baut“, und es gibt im ersten Kapi­tel „Dif­feren­zierte Artiku­la­tions- & Lit­er­aturstu­di­en“. Die von Friedrich Wil­helm Marpurg (1718–95) als „ordentlich­es Fort­ge­hen“ beze­ich­nete Spiel­weise wird ange­sprochen und auch für die fol­gen­den Stücke, „welche vor 1780 ent­standen sind“ einge­fordert. Auf Anre­gun­gen zur alten Fin­ger­set­zung wurde größ­ten­teils verzichtet. In Jan Pieter­szoon Sweel­incks The­ma aus Bal­lo del Gran­d­u­ca kön­nten die Terzen und Sex­ten mit den gle­ichen Fin­gern und ein­er leicht­en Handgelenks­bewegung gespielt wer­den. Auf das Präludi­um G‑Dur (BuxWV 147) fol­gt der poly­tonale 2. Satz aus der Par­ti­ta „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“ von Augusti­nus Franz Kropfre­it­er (1936–2003). Die beson­ders in der klas­sis­chen franzö­sis­chen Tonkun­st zum Aus­druck kom­mende Ine­gal­ität wird etwa an Bachs „franzö­sisch inspiri­ert­er“ Choral­bear­beitung „Christe, du Lamm Gottes“ (BWV 619) und an dem Tien­to lleno 6⁰ tono von Juan Caban­illes studiert.
Das abschließende Kapi­tel „Ver­tiefende Lit­er­aturstu­di­en“ bietet ein buntes Kalei­doskop vom 16. Jahrhun­dert bis zur Gegen­wart: beispiel­sweise einen Auszug aus dem Capric­cio sopra l’aria „Or chè noi rime­na“ von Giro­lamo Fres­cobal­di, den 1. Abschnitt von Louis Viernes Car­il­lon de West­min­ster oder den Beginn der Kleinen Fan­tasie über „U petak milo­ga gla­va zabo­lila“ von Franz Zebinger (*1946). Außer­dem gibt es weit­ere „Bausteine“ zur Impro­vi­sa­tion – Tremoli, „Triller mit Ped­al­rez­i­ta­tiv“, Ganz­ton­leit­er etc. Eine kleine Verzierungsta­belle ist der franzö­sis­chen Tas­ten­musik des Barockzeital­ters vor­angestellt. Zur klan­glichen Real­isierung ist für
jeden Satz­typ die entsprechende klas­sis­che Reg­istrierung angegeben. Los­gelöst vom Takt, in schweben­der Rhyth­mik und Tonal­ität kom­poniert ist Michael Rad­ules­cus (*1943) Choral­bear­beitung aus Sieben Choräle zur Pas­sion über den his­torischen can­tus fir­mus „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“. Die indi­vidu­elle Gestal­tung dieser musikalis­chen Prosa, im schein­bar zeit­losen Raum, kön­nte für den Schüler beim Üben eine Art Med­i­ta­tion sein. Das Brahmss­che Choralvor­spiel „Schmücke dich, o liebe Seele“ ist auch in ein­er zum Trio aufges­pal­te­nen Ver­sion, mit dem can­tus fir­mus im Ped­al, notiert – die Aus­führung erle­ichtert sich dadurch. Krö­nen­der Abschluss des Unter­richtswerks ist Bachs Präludi­um in G‑Dur (BWV 550) – ohne Fuge.
Das method­is­che Konzept der Orgelschule mit Hand und Fuß bietet den Lehren­den einige Anre­gun­gen für den Unter­richt. Die Orgelschule bewältigt die päd­a­gogisch schwie­rige Auf­gabe, den Schülern bzw. Schü­lerin­nen viele tech­nis­che und stilis­tis­che Facetten des Orgel­spiels beizubrin­gen bzw. sie dafür zu sen­si­bil­isieren, ohne sie jedoch gle­ichzeit­ig zu über­fordern.
Jür­gen Geiger
* In organ 3/2019, Seite 56, hat Jür­gen Geiger Band 1 der Orgelschule mit Hand und Fuß besprochen, s. a. unter https:// organ-journal.com/artikel/orgelschule-mit-hand-und-fuss-band‑1/.