Michael Heinemann

Zur Orgelmusik Petr Ebens

Mit Beiträgen von Birger Petersen und Ludger Udolph (= Studien zur Orgelmusik, Band 8)

Verlag/Label: Dr. Butz, Bonn 2019, 176 Seiten, 16 Euro
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/02 , Seite 58

Dieses Buch war überfällig. Endlich gibt es eine umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Orgelmusik des Komponisten Petr Eben (1929–2007).

Um es vor­weg zu sagen: Dieses Buch war über­fäl­lig. Endlich gibt es eine umfassende wis­senschaftliche Auseinan­der­set­zung mit der Orgel­musik des Kom­pon­is­ten Petr Eben (1929–2007).
Petr Ebens Orgel­w­erk hat längst einen fes­ten Platz im inter­na­tionalen Konz­ertreper­toire, aber abge­se­hen von der grundle­gen­den Arbeit Petr Eben. Leben und Werk von Kate­ri­na Von­drovi­cová, 2000 in Mainz bei Schott erschienen, sowie ver­schiede­nen Zeitschrifte­nar­tikeln gab es bish­er kaum Lit­er­atur über Ebens Orgelschaf­fen. Von­drovi­cová schrieb ihre Mono­grafie damals in enger Zusam­me­nar­beit mit dem Kom­pon­is­ten und erre­ichte so eine große Authen­tiz­ität, da Eben selb­st Werk­in­for­ma­tio­nen und Selb­stzeug­nisse beis­teuerte. Ähn­liche Authen­tiz­ität gelingt Michael Heine­mann in der aktuellen Studie, die mustergültig ist in Auf­bau, Vielgestaltigkeit des method­is­chen Ansatzes sowie in der Annäherung an Werk und Wollen eines der großen Orgelkomponis­ten des 20. Jahrhun­derts.
Im Zen­trum ste­hen 35 chro­nol­o­gisch geord­nete Werk­analy­sen zu allen Orgelkom­po­si­tio­nen Ebens, knappe Texte von jew­eils weni­gen Seit­en, die den­noch alles enthal­ten, was zum Ver­ständ­nis des Werks und seines Entste­hung­sh­in­ter­grunds von­nöten ist. Die Analy­sen sind sehr gut les­bar, ver­lieren sich nicht in Details und stellen ein kurzge­fasstes Hand­buch der Orgel­musik Petr Ebens dar.
Ergänzend dazu wer­den 28 eigene Werkkom­mentare des Kom­pon­is­ten abge­druckt: Ein­führun­gen für Pro­grammhefte, CD-Book­lets oder Notenedi­tio­nen. So erhält die Pub­likation den Charak­ter eines „Read­ers“ und die Zusam­men­stel­lung dieser Orig­i­nal­doku­mente ist von großem prak­tis­chen Wert. In den für Eben typ­is­chen uneitlen und in erstk­las­sigem Deutsch geschriebe­nen Tex­ten erfährt man viel über Form, Hin­ter­grund und Inten­tion sein­er Werke. Auch darüber, wie schw­er es der Kom­pon­ist in den kom­mu­nis­tisch geprägten Jahrzehn­ten seines Heimat­landes Tsche­choslowakei hat­te.
Als Beispiel sei Ebens Kom­men­tar zu seinem Orgelkonz­ert zitiert: „Der Original­titel des 1. Orgelkonz­ertes hieß eigentlich ‚Sym­pho­nia gre­go­ri­ana für konz­er­tante Orgel und Orch­ester‘. Aber weil dieser Titel bei uns in der Ver­gan­gen­heit Anstoß erregte, musste die Beze­ich­nung ‚Orgelkonz­ert‘ benutzt wer­den. Ich schrieb diese Kom­po­si­tion 1953, als mein erstes Orgel­w­erk, im Alter von 24 Jahren, in der Zeit der stärk­sten Ver­fol­gung der Kirche und Ver­ach­tung der Orgel. Und so konzip­ierte ich diese Sym­phonie als Loblied Gottes und Preis der Orgel“ (S. 139). Mit dem Aus­tausch des Titels ent­ging Petr Eben der Zen­sur, und Heine­mann beschreibt sehr überzeu­gend, wie es dem Katho­liken Eben gelang, seine an Gre­go­ri­anik und Liturgie ori­en­tierten Orgelkom­po­si­tio­nen auch in den kirchen­feindlichen Zeit­en des Kom­mu­nis­mus zu kom­ponieren und aufzuführen: Die „Bezug­nah­men auf das Liedgut der Böh­mis­chen Brüder, auf Wen­zels-Hymne und ver­traute Choräle (sind) dezi­dierte Beken­nt­nisse zu ein­er Tra­di­tion, der auch seit­ens der Machthaber nicht wider­sprochen wer­den mochte“ (S. 13).
Sehr lesenswert ist Heine­manns ein­lei­t­en­des Kapi­tel „Das Schick­salsin­stru­ment“. Es beleuchtet den Weg des Kom­pon­is­ten zur Orgel und seine lebenslange enge Beziehung zu diesem Instru­ment. Ebens Vater stammte aus ein­er jüdis­chen, seine Mut­ter aus ein­er pol­nis­chen Fam­i­lie, und als der 1929 geborene Petr 1935–39 in der kleinen süd­böh­mis­chen Stadt Krum­low die Grund­schule und das deutsche Gym­na­si­um besuchte, hat­te er als Mitschüler viele Mit­glieder der Hitler­ju­gend um sich und war sehr isoliert. Der örtliche Kirchen­musik­er führte ihn in das Orgel­spiel ein, und schon bald saß der Zehn­jährige im Gottes­di­enst auf der Orgel­bank und kon­nte „in lan­gen Impro­vi­sa­tio­nen Zeit und Raum vergessen: Musizieren, zumal im abendlichen Halb­dunkel ein­er Klosterkirche, kann soziale Defizite kom­pen­sieren […]. So kon­nte die Kirche leicht zum Rück­zugsraum wer­den und die Orgelem­pore zum Refugium“ (S. 11).
Als 1944 per Gesetz ein Studien­verbot für Kinder aus gemis­cht-
jüdis­chen Fam­i­lien erlassen wird, ist ein weit­er­er Schulbe­such für Petr Eben nicht möglich. Er wird zur Zwangsar­beit verpflichtet und 1945 als 16-Jähriger im KZ Buchen­wald inhaftiert, was er glück­lich­weise über­lebt. In diesen schwieri­gen Zeit­en ist die Liebe zur Orgel ent­standen und Petr Eben wird sie sich in den schwieri­gen Nachkriegs-Jahrzehn­ten – nun unter den umgekehrten poli­tis­chen Ver­hält­nis­sen des Kom­mu­nis­mus – bewahren, bis zur poli­tis­chen Wende und der Erlan­gung der Frei­heit der Tschechis­chen Repub­lik 1989. In diesem Zusam­men­hang erk­lärt Heine­mann eine Beson­der­heit in Petr Ebens Orgelschaf­fen: dass er näm­lich im kom­mu­nis­tis­chen Land neben der litur­gisch gebun­de­nen Orgel­musik immer auch Werke über weltliche Sujets kom­ponierte – ein Bal­anceakt, den der Her­aus­ge­ber sehr tre­f­fend charak­ter­isiert als „Konzes­sion an ein autoritäres Sys­tem mit seinen Repres­sio­nen, das schon ein Schwe­jk zu hin­terge­hen wusste“ (S. 13).
Eben knüpft damit auch an die jahrhun­dertealte Tra­di­tion der Orgel­musik in The­ater, Zirkus oder Jahrmarkt an – was soll­ten die Machthaber daran auszuset­zen haben? Diesem Umstand ver­danken wir ein Werk wie Faust (1979/80), das keine religiöse The­matik hat, son­dern „Aus­druck des Mephistophe­lis­chen, Abgründi­gen und Kor­rumpierten“ ist (S. 13). Dass die Orgel für Eben zum „Schicksals­instrument“ wurde (der auf den ers­ten Blick etwas pathetisch anmu­tende Begriff erweist sich bei genauerem Hin­schauen als tre­f­fend), ist tief in sein­er Biografie und den poli­tis­chen Umstän­den ver­wurzelt, „da dem katholis­chen Dis­si­den­ten im kom­mu­nis­tis­chen Staat andere Möglichkeit­en, sich mit­tels Musik ver­ständlich zu machen, nicht gegeben waren“ (S. 15).
Dieser Aspekt wird ver­tieft durch einen reli­gion­s­geschichtlichen Beitrag des Slaw­is­ten Ludger Udolph, der die schwierige Stel­lung der Katholis­chen Kirche in der Tsche­choslowakei des 20. Jahrhun­derts beleuchtet, sowohl in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus, als im 1938 errichteten „Pro­tek­torat“ Klöster aufgelöst, Ordensleute ver­haftet und hin­gerichtet wur­den, aber auch danach: Die Befreiung 1945 brachte für die Katho­liken nur eine kurze Atem­pause, und 1950 wur­den sämtliche 18 katholis­chen Bis­chöfe ver­haftet und die katholis­che Kirche der Ost­slowakei dem Patri­archen von Moskau unter­stellt. Das total­itäre Sys­tem bekämpfte die Kirche. Wer sich zum Katholizis­mus bekan­nte, musste eben­falls kämpfen oder seinen Glauben vor­sichtig und im Stillen ausüben. Dies hat Ebens Beziehung zur Orgel- und Kirchen­musik nach­haltig geprägt.
Unter dem Titel „Choral und Folk­lore“ analysiert Birg­er Petersen die Melodik und Har­monik der Orgel­musik Petr Ebens und zeigt an klug aus­gewählten Beispie­len, wie facetten­re­ich sie ist: auf der einen Seite die Ver­wen­dung von Gre­go­ri­anik und Modal­ität, Quar­ten­har­monik, Mix­turk­län­gen, Mul­ti­tonal­ität mit Gle­ichzeit­igkeit von Dur und Moll sowie anderen Modi, schließlich eine den ganzen Zwölfton­vor­rat aus­nutzende erweit­erte Tonal­ität; auf der anderen Seite ein „tschechis­chen Ton­fall“: mit Synkopen, stark dif­feren­ziert­er und vari­iert­er Rhyth­mik und häu­figer Ver­wen­dung des Tri­tonus. Eben hat die Folk­lore sein­er Heimat studiert, als er 1952 im Auf­trag des tschechis­chen Volk­sliedin­sti­tuts in Brünn 280 Volk­slieder sam­melte und trans­­kribierte. Dies hin­ter­lässt Spuren in sein­er Musik.
Diese lesenswerte Studie gehört in die Bib­lio­thek jedes kirchen­musikalis­chen Insti­tuts und ins Bücher­re­gal aller an Petr Eben inter­essierten Organ­istin­nen und Organ­is­ten. Dem Ver­lag gebührt Dank für die vorzüglich mit Noten­beispie­len aus­ges­tat­tete und erfreulich preiswerte Pub­lika­tion.
Rain­er Mohrs