Werke von Antonio Vivaldi, Johann Jacob Froberger, Michel Lambert, Henry Purcell, Georg Friedrich Händel, Maria Tanase, Johann Sebastian Bach und Georg Muffat

With more than A Hundred Pipes

Music for Pan Flute and Organ

Verlag/Label: Brilliant 96026 (2020)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/01 , Seite 63

Hanspeter Oggi­er, Pan­flöte; Sarah Brun­ner an der Orgel der Ringack­erkapelle Leuk, Valais, Schweiz

Bew­er­tung: 4 von 5 Pfeifen

Wer die Pan­flöte bis­lang eher belächelt und für ein niedlich­es und vielle­icht nicht ganz ernst zu nehmendes Instru­ment gehal­ten hat, wird von Hanspeter Oggi­er auf ein­drucksvolle Weise eines Besseren belehrt. Spätestens nach dem let­zten Ton sein­er CD-Neupro­duk­tion wird man sie ganz und gar liebge­won­nen haben. Denn so meis­ter­haft, wie Oggi­er sie präsen­tiert, wird sie nir­gends ihre betörende Wirkung ver­fehlen. Schon als Kind sei er – so ist in Oggiers Vita nachzule­sen – von der rumänis­chen Pan­flöten-Leg­ende Ghe­o­rghe Zam­fir verza­ubert wor­den. Später ließ Oggi­er sich beim eben­falls rumänis­chen Lehrer Simion Stan­ciu in Genf aus­bilden.
Oggi­er ist ein unglaublich­er Vir­tu­ose, dem ganz offen­bar kein­er­lei Gren­zen geset­zt sind im Umgang mit seinem Instru­ment. In atem­beraubendem, ger­adezu elek­trisieren­dem Furioso fliegt er durch die end­losen Ton­girlan­den in Anto­nio Vivald­is C‑Dur-Konz­ert (RV 443) und Bachs e‑Moll-Sonate (BWV 1034). Im Gegen­satz dazu die langsamen Sätze dieser Werke: Sie ver­strö­men einen unnachahm­lichen Charme, geprägt von dem ganz beson­deren, far­bigen Tim­bre der Pan­flöte mit ihrem etwas „rauchi­gen“, sehr ober­ton­re­ichen und bemerkenswert biegsamen Klang. Die Musik wirkt in jedem Moment lebendig, atmet große agogis­che Frei­heit, prof­i­tiert von der Möglichkeit naht­los­er Glis­san­di, wie sie auf „herkömm­lichen“ Flöten kaum zu real­isieren sind. Kurzum: Das musikalis­che Geschehen gerät in eine durch und durch natür­lich wirk­ende Schwingung, es wird zu einem Gesang ohne Worte. Parade­beispiel dafür ist Hän­dels berühmtes „Las­cia ch’io pianga“, der Klagege­sang der Almi­ra aus der Oper Rinal­do. Was Hanspeter Oggi­er hier­aus macht, ist schlichtweg herz­er­greifend. Von nicht min­der sug­ges­tiv­er Kraft sind die tra­di­tionellen Melo­di­en, die Oggi­er hier doku­men­tiert und die in jenes Land führen, in dem die Pan­flöte seit Gen­er­a­tio­nen fest in der volk­stüm­lichen Kul­tur ver­ankert ist: nach Rumänien. Da geht es mal boden­ständig rustikal und tänz­erisch zu, mal melan­cholisch und mit deut­lich ori­en­tal­is­chem Ein­schlag.
Entschei­den­den Anteil an dieser run­dum gelun­genen Scheibe hat die Organ­istin Sarah Brun­ner – eine per­fek­te Beglei­t­erin, die den Puls der Pan­flöte per­fekt aufn­immt und sich überdies (mit Froberg­er und Muf­fat) auch solis­tisch an der kleinen, aber äußerst feinen Orgel der Ringack­erkapelle in Leuk hören lässt. Über das um 1722 entstan­dene, Matthäus Carlen zugeschriebene Instru­ment mit acht Man­u­al- und drei Ped­al­reg­is­tern gibt das Book­let lei­der kein­er­lei Auskun­ft. Das facetten­re­iche Kolorit der Orgel, die unter anderem über eine schöne, tiefer­schwebende enge Prinzi­pal­stimme ver­fügt, ent­fal­tet Sarah Brun­ner auf aus­geze­ich­nete Weise.

Christoph Schulte im Walde