Engelbert Humperdinck

Vorspiel zur Märchenoper „Hänsel & Gretel“

in einer Bearbeitung für Orgel von David Cavelius

Verlag/Label: Daniel Kunert KDL-1217-02
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/04 , Seite 58

Auch wer Engel­bert Humperdincks Erfol­gsop­er Hänsel und Gre­tel nicht von vorn bis hin­ten ken­nen sollte – min­destens den „Abend­segen“ hat unter Garantie schon jed­er ein­mal gehört und war mit einiger Wahrschein­lichkeit im Inner­sten angerührt vom from­men Gesang der bei­den in den fin­steren Wald geschick­ten Kinder. Zu ihrem Schutz wün­schen sie sich den Segen der Schutzen­gel her­bei. Mit der Melodie dieses Abend­segens eröffnet Humperdinck auch seine Ouvertüre, die dann im weit­eren Ver­lauf – wie es sich für ein Opern­prélude gehört – einzelne The­men aus dem Gesamtwerk präsen­tiert. Der Orch­ester­ap­pa­rat, den der Kom­pon­ist vor­sieht, hat Wagner’sche Aus­maße und liefert sin­fonis­chen Schmelz, klangsat­te Opu­lenz, aber auch Momente von großer Zärtlichkeit. All das ver­mag auch die Orgel, beson­ders dann, wenn sie mit entsprechen­den Grund- und (sin­fonis­chen) Zun­gen­stim­men hin­re­ichend aus­ges­tat­tet ist.
Leg­endäre Bear­beit­er wie Edwin H. Lemare und William Creser ha­ben die Hänsel und Gre­tel-Ouvertüre für Orgel ein­gerichtet, der Diri­gent und Kom­pon­ist David Cavelius, ak­tuell Chordi­rek­tor an der Komis­chen Oper Berlin, legt nun eine eigene Ver­sion vor – eine, die der mitunter orches­tralen „Wucht“ des Orig­i­nals nir­gends etwas nimmt, son­dern dessen Schwung und Spritzigkeit auf­greift, ohne dazu einen „dick­en“ Noten­satz bemühen zu müssen. Im Gegen­teil: Cavelius zieht die Essenz aus der großen Orch­ester­par­ti­tur der Ouvertüre und gießt sie in eine Ver­sion, die auf alles har­monisch und melodisch Rel­e­vante hun­dert­prozentig Rück­sicht nimmt, auf organ­is­tis­che „Voll­grif­figkeit“ aber verzichtet. Deshalb ist diese aktuelle Bear­beitung auch gut spiel­bar. Tüchtig studieren muss man sie allerd­ings schon, keine Frage, aber sie ver­langt nicht zwangsläu­fig den pianis­tisch hoch­po­ten­ten Tas­tenlöwen.
Cavelius’ dynamis­che Angaben fol­gen sehr genau der Orchester­partitur und lassen sich durch den Ein­satz eines Schwellers und des Auf- und Abreg­istri­erens mit­tels Set­zerkom­bi­na­tio­nen (oder pro­gram­mier­bar­er Crescen­do-Walze) prob­lem­los real­isieren. Phrasierun­gen sind orig­i­nal­ge­treu notiert, eben­so Spielan­weisun­gen wie Pizzi­ca­to, Por­ta­to etc. Reg­istrierungsvorschläge dage­gen macht Cavelius nicht (was keineswegs ein Man­gel ist!). Denn wer Humperdinck auf der Orgel möglichst „authen­tisch“ wirken lassen möchte, wird sich ohne­hin erst ein­mal eine Auf­nahme der Orch­ester­ver­sion anhören (müssen), um sich inspiri­eren zu lassen.
Schließlich ist der druck­tech­nis­che Aspekt dieser Aus­gabe zu loben: Großzügig, klar und deut­lich ist der Noten­satz und deshalb gut zu lesen.

Christoph Schulte im Walde