Anton Bruckner

Vier Orchesterstücke für Orgel

bearbeitet und hg. von Erwin Horn

Verlag/Label: Dr. J. Butz, BUTZ 2977
erschienen in: organ - Journal für die Orgel , Seite 55

Allen Kirchen­schließun­gen zum Trotz scheint der Orgel­noten­markt selb­st in Krisen­zeit­en zu boomen. Sei es nun der zig­ste Band mit soge­nan­nten Rar­itäten – zumeist roman­tis­chen Zuschliffs –, sei es die Bear­beitung bzw. Tran­skrip­tion eines Werks, auf das Organistinnen/ Organ­is­ten mitunter nun schon gut hun­dert Jahre warten mussten. Nicht sel­ten stellt sich jedoch die Frage: Muss das denn (jet­zt auch noch) sein?
Bei Anton Bruck­n­er stellt sich die Frage zunächst vielle­icht nicht, seine Affinität zur Orgel ist ger­adezu leg­endär – und dann stellt sie sich doch. Wer ken­nt sie nicht, die mitunter amüsant zu lesenden Schilderun­gen vom Orgel-Genius Bruck­n­er, dessen Impro­vi­sa­tion­skun­st etwa 1871 die Lon­don­er Gesellschaft der­art aus dem Häuschen brachte, dass ange­blich 70000 Zuhör­er zu seinen Dar­bi­etun­gen in den Crys­tal Palace strömten. Während dabei die Orgel seinen aus­laden­den Impro­vi­sa­tio­nen offen­sichtlich stand­hal­ten kon­nte, soll ange­blich so manche der Damen aus gehoben­er Gesellschaft jedoch arg geschwächelt haben. So habe man Bruck­n­er nach eigen­em Bekun­den nach dem Konz­ert auf den Schul­tern durch den Saal getra­gen, und eine der „Ladys hat ma glei an Heirat­santrag g’­macht“.
Warum hat Bruck­n­er, bei so viel Erfolg als Organ­ist, den­noch nie ein wirk­lich nen­nenswertes, opu­lent-sin­fonis­ches Orgel­w­erk komponiert/ hin­ter­lassen? War ihm die Orgel sein­er Zeit nicht das adäquate Aus­drucksmit­tel seines musikalis­chen Empfind­ens, auch wenn sich in seinen Sin­fonien nach­weis­lich etliche Analo­gien zum Orgel­stil eben sein­er Zeit find­en? Als typ­is­ches Orgelmerk­mal wird etwa die Ter­rassen­dy­namik gese­hen, wen­ngle­ich es ja ger­ade das Bestreben des roman­tis­chen Orgel­baus war, eben jene klan­gliche „Starre“ aufzubrechen hin zu stufen­los fließen­der Dynamik.
Was nun die von Erwin Horn für Orgel bear­beit­eten und her­aus­gegebe­nen Vier Orch­ester­stücke, genauer gesagt: Marsch in d‑Moll und drei Sätze für Orch­ester aus dem Jahr 1862, bet­rifft, so han­delt es sich um Bruck­n­ers erste Gehver­suche auf dem Gebi­et der Orch­ester­musik, gle­ich­sam an der Naht­stelle vom impro­visieren­den Organ­is­ten zum Orch­esterkom­pon­is­ten. Dass Horn ein expliziter Ken­ner von Bruck­n­er und dessen Œuvre ist, ste­ht außer Frage und ver­lei­ht diesem Band allein dadurch schon eigenes, pro­fun­des Gewicht. Dass Horn in punc­to Transkription/Bearbeitung ein „alter Hase“ ist, also kein­er, der ger­ade in brausender Bran­dung auf den hochschwap­pen­den Wellen ein­er regel­recht­en Bear­beitungs-Manie auch noch mitre­it­en will, macht die Aus­gabe zudem sym­pa­thisch. Weit­er­hin spricht auch die Kürze der jew­eili­gen Stücke für sich: Kein schein­bar end­los ausufer­n­der Bruck­ner also, wie es oft in den Sin­fonie-Sätzen den Ein­druck erweckt, wom­it diese Bear­beitun­gen auch außer­halb des Konz­erts gute Ver­wen­dung find­en kön­nen. Schließlich ist auch der tech­nis­che Anspruch sehr über­schaubar. Ein entsprechend üppig disponiertes Instru­ment voraus­ge­set­zt – und schon flutet erkennbar sin­fonis­ch­er Bruck­n­er-Sound den Raum – auch wenn die ein­gangs gestellte Frage nicht so ganz aus dem Kopf will.

Wolf­gang Valerius