Peter Bares

Vier Metaphern op. 2885 für Orgel

Verlag/Label: Edition Dohr 28929
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/03 , Seite 56

Fast 3000 Werke umfasst das Œuvre des 2014 ver­stor­be­nen Kom­pon­is­ten Peter Bares. Die aller­meis­ten davon sind lei­der nie gedruckt wor­den und so der Öffentlichkeit kaum zugänglich. Bares war Kirchen­musik­er mit Leib und Seele; so ent­standen seine Kom­po­si­tio­nen weitest­ge­hend für den gottes­di­en­stlichen Gebrauch. Allein das lateinis­che Ordi­nar­i­um hat er in fün­fzig Jahren fast 800 Mal neu kom­poniert. Motet­ten, Choräle, ein Gesang­buch und ein umfan­gre­ich­es Orgel­w­erk run­den sein Schaf­fen ab. Viele sein­er Chor­w­erke sind im besten Sinne „Gebrauchsmusik“: heute kom­poniert, mor­gen geprobt, am Woch­enende aufge­führt. So sind seine Werke stets an den Möglichkeit­en der Auf­führen­den ori­en­tiert.
Bares Ver­hält­nis zur Kirche war nicht immer ungetrübt. „Die haben noch nicht begrif­f­en“, don­nert Bares ein­mal, „dass Musik keine Umrah­mung, son­dern ein wesentlich­er Bestandteil der Liturgie ist. Denn wo gesun­gen und die Orgel gespielt wird, geht der Gottes­di­enst weit­er.“ Für das jazz- und pop-ori­en­tierte „Neue geistliche Lied“ hat­te Bares nur Ver­ach­tung übrig. Seine Basis war die Weit­er­führung der Gedanken­welt des Gre­go­ri­an­is­chen Chorals.
Einen wesentlichen Teil sein­er kün­st­lerischen Arbeit nahm die Orge­limpro­vi­sa­tion ein. Dabei schöpfte er aus dem weit­en Fun­dus des Altherge­bracht­en und erweit­erte ihn um bish­er noch nicht Gedacht­es und Gehörtes. Wer ein­mal bei ihm einen Orgelkurs besucht hat, erin­nert sich vielle­icht an seinen Ausspruch: „Ihnen müssen wir erst ein­mal ihre har­monis­chen Fin­ger brechen.“ Eine let­ztlich völ­lig fre­itonale Har­monik ist das Ergeb­nis dieses Denkens.
Peter Bares hat eine eigene Ton­sprache, die sich über weite Stre­cken ein­er har­monis­chen und for­malen Analyse wider­set­zt. Auch seine Klangvorstel­lun­gen sind sehr eigen. Von ein­er Emanzi­pa­tion der Dis­so­nanz kann man bei ihm nicht mehr sprechen: Die Dis­so­nanz ist ein­fach da!
Die Vier Meta­phern sind Bares’ let­ztes vol­len­detes Werk, geschrieben zwis­chen dem 16. Sep­tem­ber und dem 3. Okto­ber 2010. Vier kurze, jew­eils drei Druckzeilen lange Minia­turen. Kein­er­lei Spielan­weisun­gen oder Reg­istrierungsvorschläge geben dem Aus­führen­den Hin­weise darauf, was Bares selb­st sich klan­glich vorgestellt hat. Über der ersten Meta­pher ste­ht das Wort „Toc­ca­ta“. Der Noten­text ver­merkt die Dat­en, wann er kom­poniert hat, manch­mal nur ein oder zwei Tak­te an einem Tag. Die zweite Meta­pher ist wohl ins­ge­samt an nur einem Tag ent­standen.
Wie diese klin­gen kön­nten, lässt sich am ein­fach­sten mit einem Blick auf die vielfältig-ungewöhn­liche Dis­po­si­tion „sein­er“ Orgel in der Kun­st­sta­tion St. Peter in Köln (www. sankt-peter-koeln.de/wp/raum‑2/
orgeln) erah­nen. Auf der Home­page von St. Peter heißt es dazu: „Die Orgel lässt sich keinem Stil zuord­nen, kein­er his­torischen Tra­di­tion. Sie ist ein Instru­ment, das von einem Visionär ent­wor­fen wurde, der kein­er Schule ange­hört und der dazu berufen ist, den Kom­pon­is­ten neue Hor­i­zonte aufzu­tun. Kurz gesagt: Es ist eine zeit­genös­sis­che Orgel.“ Für den Komponis­ten Peter Bares gilt ein näm­lich­es: Er ist noch immer ein zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­ist!

Ralf-Thomas Lind­ner