Naji Hakim

Toccata

on the Introit of the Feast of the Epiphany für Orgel

Verlag/Label: Schott Music, ED 22840
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/02 , Seite 58

Der als Kom­pon­ist, Inter­pret und Impro­visator unge­brochen quirlige und nim­mer­müde Naji Hakim, der in let­zter Zeit auch immer öfter als Diri­gent sein­er Orch­ester­musik in Erschei­n­ung tritt, hat kür­zlich im Mainz­er Schott-Ver­lag zwei weit­ere Orgel­w­erke vorgelegt. Die Toc­ca­ta über den gre­go­ri­an­is­chen Introi­tus des Festes der Erschei­n­ung des Her­rn „Ecce adven­it dom­i­na­tor Domi­nus“ ist eigentlich eine Anei­nanderreihung von Vari­a­tio­nen über Can­tus-fir­mus-Mate­r­i­al dieser promi­nen­ten gre­go­ri­an­is­chen Melodie, was somit der Toc­ca­ta in ihrer his­torischen Gestalt als rhap­sodis­ch­er Impro­vi­sa­tions­form und weniger als „Perpetuum-mobile“-Finalsatz à la française nahe kommt.
Das Werk begin­nt mit einem impul­siv­en akko­rdis­chen Crescen­do, das am Schluss in verkürzter Form wieder­holt zitiert wird und so den Rah­men für das Stück auf­s­pan­nt. Hakims Ton­sprache ist hier impres­sion­is­tisch inspiri­ert und ins­­gesamt, ohne dies im pejo­ra­tiv­en Sinne zu ver­ste­hen, gefäl­lig. Das fig­u­ra­tive Flir­rw­erk der einzel­nen Pat­terns liegt bequem in der Hand, es kün­det vom überquel­len­den Erfahrungss­chatz des großen Impro­visators.
Im kurzen Vor­wort des Autors spiegelt sich Hakims tiefe katholis­che Gläu­bigkeit, die sein gesamtes musikalis­ches Œuvre durchzieht. Das etwa sieben­minütige Auf­tragswerk der Jesuit­is­chen Kom­mu­nität in Man­ches­ter, sin­niger­weise am 6. Jan­u­ar 2016 eben­da uraufge­führt, ist ins­ge­samt ein weit­eres Bravourstück, das Hakim seinen inzwis­chen zahlre­ichen ähn­lichen Piecen zur Seite stellt und das seine Wirkung, eine adäquate Spielfer­tigkeit und -freude voraus­ge­set­zt, nicht ver­fehlen wird.
Ganz anders stellt sich Cos­mogo­nie dar, eine qua­si nachträglich aufgeschriebene Impro­vi­sa­tion anlässlich des Haar­lem-Impro­vi­sa­tion­wet­tbe­werbs im nieder­ländis­chen Rot­ter­dam aus dem Jahr 1981. Hier han­delt es sich, wie es im Titel an­klingt, um eine Art Pro­gram­m­musik anhand des jün­geren Schöp­fungs­berichts aus dem Buch Gen­e­sis (Gen 1, 1–31). Diese großar­tige Erzäh­lung, wahrschein­lich hin­sichtlich der Autorschaft der pries­terlichen Schicht des Buch­es zuzurech­nen, bedenkt und bew­ertet alle Ereignisse der Heils­geschichte angesichts der als Katas­tro­phe wahrgenomme­nen baby­lonis­chen Exilzeit und ist lied­haft geformt; jed­er Schöp­fungstag endet mit dem refrain-arti­gen „Es wurde Abend, und es wurde Mor­gen …“.
Hakims Ton­sprache ist hier, wie häu­fig in seinen frühen Werken, we­sentlich her­ber, ver­lässt allerd­ings nie den Boden der Tonal­ität. Die Rhyth­mik ist sehr kom­plex, etliche Stellen wirken mit ihrer teil­weise polyphon anmu­ten­den Fak­tur neo-klas­sizis­tisch. Zudem bein­hal­tet das Stück etliche ungewöhn­lich schwie­­rige, teils mehrstim­mige solis­tis­che Ped­al­pas­sagen.
Dieses etwa zwölf Minuten dauernde sym­phonis­che Fres­co stellt ganz erhe­bliche spiel­tech­nis­che An­­forderungen an den Spiel­er und fordert ein gerüt­telt Maß an Rezep­­tions- und Reflex­ion­sar­beit: sowohl vom Inter­pre­ten als auch vom Pub­likum. Die Zeit, sich inten­siv mit dieser nicht ger­ade kom­mod daherk­om­menden Musik zu beschäfti­gen, lohnt der Mühen alle­mal.

Chris­t­ian von Blohn