Gustav Mahler

Symphonie Nr. 9 — Transkription für Orgelduo

Katrin und Ralf Bibiella an der Woehl-Orgel von St. Katharinen in Oppenheim

Verlag/Label: 2 CDs, Ambiente Audio ACD-2039 (2020)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/03 , Seite 59

4 von 5 Pfeifen

Nun also auch Sin­fonis­ches von Gus­tav Mahler! Die Zun­ft der Organ­is­ten war ja immer schon eifrig, wenn es um Tran­skrip­tio­nen orches­traler Musik für ihr eigenes Instru­ment ging. In den let­zten Jahren erblick­ten Smetanas Moldau, Rach­mani­nows Totenin­sel und Dvořáks Sin­fonie Aus der Neuen Welt in Orgelver­sio­nen das Licht der Welt, um nur einige wenige Beispiele ein­er ganzen Rei­he von Adap­tio­nen zu nen­nen, die in den aller­meis­ten Fällen ein überzeu­gen­des klang­liches Erleb­nis liefern.
Aber Mahlers 9. Sin­fonie, ein der­art kom­plex­es Riesen­werk auf der Orgel – kann das funk­tion­ieren? Katrin und Ralf Bibiel­la jeden­falls sind davon überzeugt und präsen­tieren ihre eigene Bear­beitung für vier Hände und vier Füße. Sie nutzen die 2006 von Ger­ald Woehl erbaute Orgel der Kathari­nenkirche in Oppen­heim (III + P/58), in der sich noch etliche Reg­is­ter von 1871 aus der Werk­statt Eber­hard Friedrich Wal­ck­er befind­en. Ein fantas­tisches Instru­ment, dessen Ressour­cen hin­sichtlich der Real­isierung ein­er höchst fil­igra­nen und extrem dif­feren­ziert aus­gear­beit­eten Orch­ester­par­ti­tur keine Wün­sche offen lassen. Klang gibt es hier in allen schillern­den Far­ben und in dynamisch großer Bre­ite.
Gar kein Zweifel beste­ht daran, dass Katrin und Ralf Bibiel­la hier etwas Großar­tiges gelun­gen ist! Mit schi­er end­los­er Akri­bie erweck­en sie Gus­tav Mahlers Fin-de-siè­cle-Solitär zu einem Leben auf der Orgel. Nicht nur die Orgel­bear­beitung als solche wird immense Arbeit gewe­sen sein, son­dern auch die spiel­tech­nis­che Umset­zung und Ein­spielung auf den bei­den CDs. Damit erweit­ern sie das sin­fonis­che Reper­toire um ein wichtiges Werk des 20. Jahrhun­derts. Cha­peau!
Wer nicht nur Orgel­musik liebt, son­dern auch orig­inäre Sin­fonik à la Mahler, am besten live im Konz­erthaus und mit einem Spitzenorch­ester, wird vielle­icht nicht ganz glück­lich mit dieser Orgelver­sion. Das liegt wed­er an den Inter­pre­ten noch an der von ihnen genutzten Orgel. Es liegt am Werk, das doch let­ztlich auf noch mehr Nuan­cen angewiesen ist, als ein prinzip­iell etwas steifer Klang von Orgelpfeifen bieten kann, so sehr er auch von Takt zu Takt seine Far­ben chang­iert (Set­zerkom­bi­na­tio­nen sei Dank!). Die Sämigkeit der tiefen und die Bril­lanz der hohen „echt­en“ Orches­terstreicher, die Attacke der Blech­bläs­er, das charak­ter­is­tis­che „Pling“ der Har­fen, der Bal­sam der Holzbläs­er – da gerät die Orgel, wenn man ehrlich ist, doch hier und da an ihre Gren­zen und die Musik büßt an Expres­siv­ität, Inten­sität und Lebendigkeit ein, spür­bar vor allem im aus­gedehn­ten Ada­gio-Finale. Das res­ig­na­tiv Schwel­gerische, die Abschiedsstim­mung …
Gle­ich­wohl ist diese Ein­spielung ein großer Wurf. Was die bei­den Inter­pretInnen sowohl men­tal als auch „handw­erk­lich“ leis­ten, ist nicht hoch genug zu loben. Gle­ich­es gilt für die Auf­nah­me­tech­nik und das infor­ma­tive Book­let u. a. mit einem aus­führlichen Werkkom­men­tar, Infor­ma­tio­nen zum Instru­ment und (!) Gedicht­en von Katrin Bibiel­la, mit denen sie Mahlers Musik lyrisch para­phrasiert.

Christoph Schulte im Walde