Franz Liszt

Sonate h-Moll

nach der Klaviersonate bearbeitet für Orgel von Andreas Rothkopf

Verlag/Label: Schott Music, ED 22509
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/01 , Seite 57

Ger­ade erst war in organ zu lesen, wie ambi­tion­ierte Organ­is­ten mit eben­solchen Orgel­bauern und Pro­gram­mier­ern Jahrhun­derte alte Geset­zmäßigkeit­en des Orgel­baus außer Kraft set­zen wollen. Diejeni­gen, die unbe­d­ingt an der mech­a­nis­chen Trak­tur fes­thal­ten wollen, exper­i­men­tieren an wind­dy­namis­chen Sys­temen, andere ver­suchen mith­il­fe aufwändi­ger Elek­tron­ik die unter dem Ein­fluss der Orgel­be­we­gung lange ver­pönte elek­trische Trak­tur zu reha­bil­i­tieren und so zu trim­men, dass sie endlich mit der Anschlags­dy­namik des Klaviers „mithal­ten“ kann.
Über ein der­ar­tiges regres­sives Ansin­nen wäre Franz Liszt ver­mut­lich mit einem gen­erösen Schmun­zeln hin­wegge­gan­gen. Ger­ade der gefeiert­ste Klaviervir­tu­ose sein­er Zeit kan­nte selb­st nie eine Konkur­renz von Klavier und Orgel. Er selb­st tra­chtete danach, „dass die aus­drucksvollere Orgeltas­tatur [!] den natür­lichen Weg zur Entwick­lung des Klaviers“ ebnen würde, sah er doch in der Orgel ein dur­chaus adäquates Instru­ment, seinem steten Ver­lan­gen nach orches­tralen Klang­far­ben und größt­möglichem Aus­druck nachzukom­men.
Der an der Saar­brück­er Musikhochschule lehrende Organ­ist und Pianist Andreas Rothkopf scheint es ganz mit Liszt zu hal­ten. Und so kommt er Liszts Ver­lan­gen nach ei­nem orches­tralen und an Farbnuan­cen reichen Orgelk­lang mit vor­liegen­der Bear­beitung der großar­ti­gen h-Moll-Klavier­son­ate auf abso­lut überzeu­gende Weise nach. Im Vor­wort skizziert der Bear­beit­er kurz den Entwick­lung­sprozess: wie er von der anfänglich mod­i­fizierten Kla­vier­stimme erst im Laufe mehrerer konz­er­tan­ter Auf­führun­gen zu ein­er mehr und mehr orgel­gemäßen Klang­einrichtung fand, ohne dabei die Liszt’­sche Basis der orig­i­nalen Klavier­par­ti­tur je unge­bührlich außer Acht zu lassen.
Rothkopfs Bear­beitung bietet somit weitaus mehr als lediglich die, wie er schreibt, „prag­ma­tis­che Anpas­sung an die Möglichkeit­en eines alter­na­tiv­en Instru­ments“. Im Gegen­satz zur Klavier­vor­lage etwa kön­ne eine große, entsprechend disponierte Orgel in ihrer orches­tralen Dimen­sion die Charak­tere der einzel­nen Stim­men mitunter klar­er he­rausstellen, indi­vidu­eller beleucht­en, ja sog­ar in ein ganz neues Licht tauchen. Mit diesem Ansatz ist die Bear­beitung mehr nur als bloße „Trans-Skrip­tion“: Sie bietet eine Art von Trans­for­ma­tion, ja Trans­figuration hin zu ein­er neuen, eigen­ständi­gen Dimen­sion, die am Ende dur­chaus gle­ich­berechtigt neben dem Orig­i­nal zu ste­hen ver­mag.
So wie Liszts h-Moll-Sonate als ein (ein­samer) Gipfel hochalpin­er Klavier­land­schaften her­vor­ragt, so wer­den dieser Bear­beitung nur die Besten ihrer Zun­ft gewach­sen sein. Antrainiertes tech­nis­ches Kön­nen allein wird zur befriedi­gen­den Wieder­gabe kaum hin­re­ichen. Vielmehr ist hier das musikalis­che Gestal­tungspoten­zial ein­er men­schlich wie intellek­tuell gereiften Kün­stler­per­sön­lichkeit gefragt. Andern­falls wird die Wieder­gabe der Bear­beitung am Ende zur far­blosen Per­si­flage auf der Orgel. – Mit der für Schott Music oblig­a­torisch hohen Druck­qual­ität wird der Mainz­er Tra­di­tionsver­lag mit dieser run­dum gelun­genen – und zu­gleich lang ersehn­ten – meis­ter­lichen Edi­tion erneut seinem ho­hen Stan­dard mehr als gerecht. Ganz ein­fach exzel­lent!

Wolf­gang Valerius