Zsigmund Szathmáry

Silberklänge

für die Silbermann-Orgel in der St. Georgenkirche Rötha

Verlag/Label: Bärenreiter (Reihe Organova, Band 15) BA 11263
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/02 , Seite 61

Es ist eine orig­inelle, sehr zu lobende Idee der Ver­anstal­ter des XXII. Inter­na­tionalen Johann-Sebas­t­ian-Bach-Wet­tbe­werbs Leipzig 2020, im Fach Orgel ein Pflicht­stück aus der Mod­erne für die zweite Runde anzuset­zen. Die Wahl fiel auf Zsig­mond Sza­th­máry, der den Auf­trag erhielt, für die Orgel von Got­tfried Sil­ber­mann in St. Geor­gen zu Rötha – wo die Auswahl­prü­fung stat­tfind­en soll – ein Werk zu schreiben. Damit hat­te man nicht nur einen pro­fil­ierten Kom­pon­is­ten unser­er Zeit aus­gewählt, son­dern einen Ton­set­zer, der zeitlebens ba­ro­cken Orgeln inspiri­ert wor­den ist.
Lei­der kann dieser Wet­tbe­werb durch die derzeit­i­gen Wirren nicht stat­tfind­en. Aber Sza­th­márys Auf­tragskom­po­si­tion mit ein­er Spiel­d­auer von etwa acht Minuten erschien den­noch im Druck und ste­ht nun der Orgel­welt zur Ver­fü­gung. Von der ersten Note an spürt man den ver­sierten Organ­is­ten, der sein Opus der 1721 erbaut­en Sil­ber­mann-Orgel abso­lut auf den Leib geschrieben hat. Die Edi­tion wird demzu­folge mit der Dis­po­si­tion eröffnet. Auf ihr basiert das gesamte Stück, denn Sza­th­máry hat detail­liert seine Reg­istri­er­an­weisun­gen no­tiert. Das stellt nicht nur eine fre­undliche Han­dre­ichung des Autors dar, son­dern ist vielmehr sub­stanzieller Bestandteil des Werks und unab­d­ing­bar notwendig, um die Sil­berk­länge, das heißt die sehr far­bigen, oft auch bizarren, dann und wann mar­tialisch auftreten Klangkom­bi­na­tio­nen zum Aus­druck zu brin­gen.
Da die Röthaer Orgel mit II/P/ 23 eine recht über­schaubare Dis­po­si­tion aufweist, stellt es kaum ein Prob­lem dar, an jed­er anderen Orgel mit mech­a­nis­ch­er (!) Reg­is­ter­trak­tur die klan­glichen Inten­tio­nen des Kom­pon­is­ten umzuset­zen, zumal der klas­sis­che Silbermann’sche Reg­is­ter­fun­des nahezu alle zum Stan­dard ein­er Orgel gehören­den Stim­men vere­int.
Die Kom­po­si­tion ist mit ihren im Tem­po dif­feren­zierten und in der Rhyth­mik abgestuften Abschnit­ten klar struk­turi­ert. Sie fasziniert durch üppige Akko­rd­fol­gen, für die die zehn Fin­ger ger­ade so aus­re­ichen, oder durch quint­be­tonte Kaskaden im Ober­w­erk, dargestellt mit Quin­tadena 8’ und Nasat 3’ sowie im Ver­lauf mit weit­eren Aliquoten, kon­trastiert von der Trom­mete 8’ des Ped­als und einem nach­fol­gen­den, brachial mit Dop­pelpedal häm­mern­den Aus­bruch im dreifachen Forte. Man kann nur hof­fen, dass diese Pas­sagen bei der einen oder anderen his­torischen Orgel nicht der Wind­stößigkeit zum Opfer fall­en.
Ab und zu glaubt man im Ver­lauf des Stücks, dass es zwis­chen den Tönen e2 in den Man­ualen und dem großen Es im Ped­al pen­delt. Doch das wäre viel zu kurz gegrif­f­en für den Ideen­re­ich­tum Sza­th­márys, der sich sowohl im vielschichti­gen Geflecht des Werks als auch in den man­nig­falti­gen Sphären der Reg­is­ter man­i­festiert.
Die „Sil­berk­länge“ benöti­gen SpielerIn­nen, die im Umgang mit der Avant­garde geschult sind und außer­dem min­destens einen Regis­tranten zur Ver­fü­gung haben. Der Kom­po­si­tion ist zu wün­schen, dass sie angesichts des in unser­er Zeit lei­der zunehmenden Desin­ter­ess­es an der­ar­tiger Musik die nötige Res­o­nanz nicht nur bei dem auf 2021 ver­schobe­nen Wet­tbe­werb find­et.

Felix Friedrich