Zsolt Gárdonyi

Sieben festliche Final­strophen für Orgel

Verlag/Label: Ostinato, os 12.031
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2020/04 , Seite 61

Ein typ­isch englis­ches Hymn-Tune aus dem frühen 20. Jahrhun­dert bildet die the­ma­tis­che Grund­lage der etwa fünfminüti­gen Orgelfan­tasie Lift High the Cross aus der Fed­er von Zsolt Gár­donyi. Der tri­um­phierende Tex­tin­halt, Christi Liebe in der Über­win­dung des Kreuzes in aller Welt zu preisen, spiegelt sich in ein­er Melodie eben­solchen Aus­drucks. Zahlre­iche Bear­beitun­gen für Bläs­er, Pauken, Orgel und Chor sind schon über dieses feier­liche Lied ver­fasst wor­den. Gár­donyis Werk begin­nt mit leisen Stre­icher­akko­r­den, zu denen ein weich­er 2’ im Ped­al die ersten Inter­valle des Hymn­tunes intoniert und fort­spin­nt. In mehreren Auf­schwün­gen wird auf span­nende Weise in großar­tiger Steigerung der Ein­tritt des Liedthe­mas vor­bere­it­et. Im weit­eren Ver­lauf des Stücks wird das Liedthe­ma gemäß der Stro­phenaufteilung vier­mal durchge­führt, zweimal in der Orig­inal­tonart C‑Dur und zweimal in F‑Dur. Hier­bei kommt Gár­donyis Meis­ter­schaft in der Har­mon­isierung zur vollen Ent­fal­tung; Akko­rde, be­stehend aus Terz­schich­tun­gen, Zwis­chen­dom­i­nan­ten, chro­ma­tis­che Durchgänge, close und open har­mo­ny und Ver­wen­dung sämt­licher Parallel‑, Gegen- und Stel­lvertreter­har­monien stellen das Lied in far­big­ste Schat­tierun­gen, bis es rhap­sodisch freier wer­dend jubel­nd ausklingt. Das wirkungsvolle, allen­falls mit­telschwere Stück ist als Einzugs- oder Auszugsmusik und im Konz­ert viel­seit­ig ein­set­zbar. Man darf darauf hof­fen, dass der Ver­fass­er das Werk auch ein­mal für Chor und Orgel bear­beit­et; ein­dringliche Chor­musik mit Orgel­be­gleitung in diesem Genre und dieser Qual­ität gibt es ja lei­der fast nur im Bere­ich der englis­chen Kathe­dral­musik.
In zahlre­ichen Werken englis­ch­er Kathe­dral­musik für Chor und Orgel, die, wenn es sich um Bear­beitun­gen von Kirchen­liedern, also Hymn-Tunes in Form von unter­schiedlichen Stro­phen­vari­a­tio­nen han­delt, gibt es fast immer eine let­zte Stro­phe, die sich durch beson­dere har­monis­che Behand­lung, freie, umspie­lende Orgel­be­gleitung und cho­risch beset­zte Ober­stim­men ausze­ich­net. Diese wun­der­bare Idee hat­te Gár­donyi mit seinen fes­tlichen Final­stro­phen zu den Liedern O du fröh­liche, Christ ist erstanden, Gelobt sei Gott im höch­sten Thron, Wie her­rlich gib­st du, Herr, dich zu erken­nen, Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren, Wun­der­bar­er König und Mache dich, mein Geist, bere­it. Sie sind als Orgel­sätze zur Begleitung der Gemeinde konzip­iert, die schon durch voraus­ge­sun­gene Stro­phen firm sein sollte; wer Gár­donyi ken­nt, weiß, was da har­monisch auf einen zukommt. Das geht weit in die Jaz­zhar­monik, aber auch Mix­turk­länge, gän­zlich uner­wartete und uner­hörte Wen­dun­gen und Umdeu­tun­gen tauchen auf und lassen aufhorchen, aber eben auch das Herz aufge­hen. Dass solche Stücke Gift für Studierende sind, die schön brav zur Stilis­tik des Kirchen­liedes passende Sätze machen müssen, ist klar. Ich finde sie so reizvoll, dass ich sie gerne auch mal so spiele, als Vor­spiel, oblig­at, in ver­schiede­nen Reg­istrierun­gen und Tem­pi, ruhig mehrmals hin­tere­inan­der. Ich finde auch, dass sie weniger braven Organ­is­ten Ideen zum far­bigen Har­mon­isieren von Melo­di­en aller Art geben kön­nen. Auch hier hoffe ich auf vari­a­tion­sre­iche Stro­phen­lieder für Chor und Orgel aus der Fed­er des beg­nade­ten Har­monikers!

Ste­fan Kagl