Gustav Adolf Mankell

Sechs Fantasien für Orgel zu vier Händen

hg. von Siegried Mangold

Verlag/Label: Spiralbindung, Ortus Musikverlag, OM 283
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/01 , Seite 57

Gus­tav Adolf Mankell (1812–80) wurde in Däne­mark geboren, ver­brachte aber den größten Teil seines Lebens in Schwe­den und wirk­te viele Jahre lang als Organ­ist an der St. Jakob­skirche in Stock­holm. Er hat­te dort als Pro­fes­sor für Orgel­spiel an der Königlich-Schwedis­chen Musikakademie großen Ein­fluss auf die Entwick­lung der Orgel­musik in Schwe­den, zum einen durch seine zahlre­ichen Orgelkom­po­si­tio­nen und Konz­er­tauftritte, zum anderen, indem er die École d’Orgue von Jacques Lem­mens für den Unter­richt an der Akademie bear­beit­ete und sie durch einen umfan­gre­ichen Lit­er­atur­band ergänzte. Dadurch brachte er den franzö­sis­chen Orgel­stil nach Schwe­den, stand aber gle­ichzeit­ig auch in der kon­tra­punk­tisch-poly­pho­nen Tra­di­tion der deutschen Orgelmusik.
Dies zeigt sich in seinen 1878/79 ent­stande­nen Sechs Orgelfanta­sien für Orgel zu vier Hän­den, die (abge­se­hen von der 2. Fan­tasie in c‑Moll) hier erst­mals veröf­fentlicht wer­den. Die Fan­tasien sind ein­fach spiel­bar, Pri­mo- und Sec­on­dopart sind über­wiegend zweis­tim­mig gehal­ten, Ped­al wird nicht ver­langt (kann aber hier und da an geeigneten Stellen im Sec­on­do angewen­det wer­den). Trotz­dem entste­ht ein run­des, volles Klangbild.
Wegen der ein­fachen Spiel­barkeit eignen sich die Fan­tasien sehr gut für alle Organ­istin­nen und Organ­is­ten, die sich ohne viel Übeaufwand zum vier­händi­gen Spiel verabre­den möcht­en. Die Gele­gen­heit zum gemein­samen Musizieren auf der Orgel­bank ist ja auf­grund der spär­lichen Lit­er­atur und des alltäglichen Orgel­dien­stes mit zwei Hän­den und zwei Füßen nicht allzu häu­fig. Hier schließt die Neuer­schei­n­ung eine wichtige Lücke. – Damit keine Missver­ständ­nisse aufkom­men: Die Musik ist bei aller Ein­fach­heit gekon­nt kom­poniert, abwech­slungsre­ich, inspiri­ert und sehr gut für das Instru­ment geschrieben. Die Fan­tasien sind ein­sätzig (daher wer­den die Tak­tzahlen zu Recht durchgezählt), aber sie beste­hen aus unter­schiedlichen Formteilen: Bewegte und lyrische Abschnitte wech­seln geschickt ab, und als Schlussteil find­et sich immer ein Fuga­to oder eine Fuge (auch wenn diese Abschnitte nicht immer mit „Fuge“ über­schrieben sind). Die Mu­sik ist melodisch und har­monisch sehr ansprechend, kon­tra­punk­tisch geschickt geset­zt und sie bringt alles mit, um Spiel­ern und Hör­ern Freude zu bereiten.
Der Tex­tkom­men­tar von Siegfried Man­gold enthält sehr lesenswerte und aus­führliche Infor­ma­tio­nen zur Biografie des Komponis­ten, zum Entste­hung­sh­in­ter­grund der Werke und zu den schwedis­chen Orgeln aus Mankells Zeit. Ein vorzüglich­er kri­tis­ch­er Bericht, zum Teil mit Fak­sim­i­les zu inter­es­san­ten Les­arten der Quellen, run­det die empfehlenswerte Aus­gabe ab.

Rain­er Mohrs