Beate Leibe

Schöpfungslob

Sieben musikalische Impressionen für Orgel (2019)

Verlag/Label: Strube Edition 3497
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/03 , Seite 57

Führ uns an atom­ar­er Nacht vorüber, hilf der Hoff­nung auf.“ Wohl nie­mand würde diesen Satz im aktuellen Evan­ge­lis­chen Kirchenge­sang­buch (EG 431,2) ver­muten. Die zen­tralen Begriffe, um die sich das Liedgut im EG dreht, sind zeit­los und geprägt von typ­isch christlichem Gedankengut wie Liebe, Güte, Gnade, Verge­bung, Leben und Tod. Die Zeit­losigkeit der Lieder ist ihre Stärke, eines ihrer Über­lebens­merk­male durch oft viele Jahrhun­derte bis hinein in unsere neues­ten Lied­samm­lun­gen. Nur ein einziger Satz im EG spricht von unser­er Gegen­wart, von der Jet­ztzeit und ihren sehr speziellen Themen.
Find­en unsere Gegen­wart und unsere Welt, in der wir leben, im Gottes­di­enst nur in der Predigt statt – der Predigt, die einen Bibel­text ausle­gen und ihn in unsere Sprache und unsere Zeit über­set­zen soll? Wo ste­ht die Orgel­musik, gar die ganze Kirchen­musik, wenn es um die Erhal­tung und Bewahrung der göt­tlichen Schöp­fung, die Erde, den Men­schen und alle seine Prob­leme geht? Wo sind die gesellschaftlichen und damit let­ztlich christlichen Prob­leme des heuti­gen Menschen?
Schon die Titel der aller­meis­ten Orgelkom­po­si­tio­nen zeigen, dass wed­er Gott noch seine Schöp­fung darin vorkom­men: Präludi­um und Fuge, Toc­ca­ta, Phan­tasie, Choral­par­ti­ta usw. Manche Kom­pon­is­ten greifen zu abstrak­ten Titeln: Inter­feren­zen, Volu­mi­na, Ludus Solem­nis oder ASLSP (as slow as pos­si­ble). Die reale uns umgebende Welt mit atom­aren Katas­tro­phen, Kli­mawan­del, Ökokol­laps und ein­er weltweit­en Coro­na-Pan­demie kommt hier nir­gend­wo vor. Vielle­icht meint Joseph Kar­di­nal Ratzinger diesen musikalis­chen Zus­tand, wenn er sagt: „Eine Kirche, die nur noch Gebrauchsmusik macht, ver­fällt dem Unbrauch­baren und wird selb­st unbrauchbar.“
In der Edi­tion Strube sind in den let­zten Monat­en einige Edi­tio­nen erschienen, die diese Lücke füllen kön­nten und – das sei vor­weggenom­men – von denen man sich viel mehr wün­scht. Beate Leibe eröffnet den Reigen mit ein­er guten alten christlichen Tra­di­tion: dem Lob, dem Schöp­fungslob. Her­fried Mencke the­ma­tisiert in seinen Kli­ma­Wolken ein schon lange immer wieder gern disku­tiertes und trotz­dem zu wenig ern­stgenommenes Phänomen. Wolf­gang Schulz-Pagel reagiert in seinen 4 geistlichen Melo­di­en auf das Gesangsver­bot im christlichen Gottes­di­enst. Johannes Matthias Michel arbeit­et in sein­er Mis­sa Coro­na mit den in Coro­n­azeit­en beschränk­ten musikalis­chen Möglichkeit­en und schaut aber auch schon nach vorn – in eine Zeit nach Corona.

Beate Leibe sieht ihre sieben­sätzige „Suite“ (I Der Mor­gen – II Die Nebelkrähe – III Die Spatzen – IV Die Schwäne – V Der Garten – VI Der Bach – VII Über allem: DU) „wohl eher in einem Orgelkonz­ert“. Die Sätze I bis III „eignen sich auch gut als Orgelvor- bzw. ‑nach­spiel. IV und VI lassen sich als Medita­tion ein­set­zen. V und VII bieten sich für fes­tliche Gottes­di­en­ste an“. Leibe arbeit­et in allen Sätzen mit vie­len eher impro­visatorischen Mo­dellen. In jedem Satz ist es ein neues Mod­ell, das sehr kon­se­quent durchge­hal­ten wird, z. B. die uner­müdlich gle­iche Achtel­be­we­gung, die das Fließen in Satz VI darstellen soll. Schon im Druck­bild wer­den die jew­eili­gen Ideen gut sicht­bar. Man kön­nte die Suite, deren tech­nis­chen Schwierigkeit ein­fach bis mit­telschw­er ist, als gut gemachte und auch gut hör­bare Kan­toren­musik beze­ich­nen. Aber in den kleinen Fein­heit­en der Satz­fak­tur steckt mehr als brave Musik, die einem nur das Herz aufge­hen lässt. Am Ende ist nicht alles gut. Denn – so Leibe: „… das Pochen des Herzens der Erde unter ihrer Last, das Dra­ma des Endlichen, ver­bor­gen unter aller Pracht und Freude des Seins, der alltägliche Kampf darum, heute noch da sein zu wollen oder zu müssen – auch das gehört dazu und sollte nicht über­hört werden“.

Her­fried Mencke sieht in seinen Kli­ma­Wolken die Prob­leme musikalisch drän­gen­der und ohren­fäl­liger: „Kli­ma­Wolken wider­spricht vie­len gängi­gen Klis­chees: Dis­so­nanzen am Anfang und am Schluss; die schöns­ten Klänge nur in der Mitte.“ Der offene Tri­tonus am Anfang und Ende des Stück­es ste­ht für die Kli­makatas­tro­phe, in der wir leben; Unheil braut sich zusam­men. „Nur wenn wir miteinan­der in Liebe und Güte (Car­i­tas et Amor) umge­hen, kön­nen wir das Kli­ma-Prob­lem lösen und die Erde erhal­ten. Son­st gibt es nur neuen Hass und neue Kriege.“ Das Szenario, die drän­gen­den Fra­gen, wird durch Ein­würfe eines Sprech­ers, der auch der Organ­ist selb­st sein kann, beschrieben. Im Mit­tel­teil der „Vision: Engels­ge­sang“ wird der Can­tus „Ubi car­i­tas et amor“ anges­timmt: „Wo Güte und Liebe sind, da ist Gott“. Doch bere­its kurz nach diesem Gesang holt uns die Wirk­lichkeit wieder ein. Und so set­zt Mencke dem abschließen­den Tri­tonus, qua­si als ein­zig wirk­lich­er Ausweg aus der Katas­tro­phe, ein gesproch­enes „Amor!“ ent­ge­gen. Die Kom­po­si­tion, die eben­falls einen ein­fachen bis mit­tleren Schwierigkeits­grad hat, ist gut als Impuls für einen Gottes­di­enst vorstell­bar, in dem sie vielle­icht auch zwei- oder dreimal erklingt.

Als in der Coro­na-Krise „die Kirchen wieder geöffnet wur­den, entsch­ied man, dass wegen der Aerosole im Gottes­di­enst auf das Sin­gen von Liedern zu verzicht­en sei. Sprach­los nah­men wir das zur Ken­nt­nis, ab jet­zt wurde zur Orgel leise gesummt.“ So beschreibt Wolf­gang Schulz-Pagel die Situa­tion der Kirchen­musik und seinen Ausweg. Er kom­poniert „vier neue ‚sprachlose‘ Melo­di­en, die nach Belieben begleit­et wer­den kön­nen“. Seine Vision ist es, dass „vielle­icht ja während des Sum­mens bei jedem einzel­nen im Kopf ganz eigene Ideen für mögliche Lied­texte entste­hen. Und schon wären wir raus aus der Sprachlosigkeit“. Die Idee (sum­men statt sin­gen) ist in ihrer Ein­fach­heit genial – keine Frage! Die Möglichkeit, dass im eige­nen Kopf möglicher­weise Lied­texte entste­hen, ist ein Gedanke, der be­stechend schön ist. Schulz-Pagel schreibt dazu Melo­di­en und Har­mon­isierun­gen, die – wie Carl Phi­lipp Emmanuel Bach es nen­nen würde – von ein­er „edlen Sim­plic­ität“ sind. Ob man für diese Idee und ihre Durch­führung im Gottes­di­enst allerd­ings Geld für dieses Noten­heft aus­geben muss – das darf zumin­d­est für einen Moment bezweifelt wer­den. Ähn­liche Melo­di­en und Har­mon­isierun­gen sollte jed­er halb­wegs ambi­tion­ierte Organ­ist selb­st in ähn­lich­er Qual­ität auch hinbekommen!

Johannes Matthias Michel bringt die Coro­na-Krise in Form ein­er Messe wieder zurück vor Gott. In dieser lateinis­chen Messe wur­den das Kyrie, das Glo­ria, das Sanc­tus, das Bene­dic­tus, das Agnus Dei und das Dona nobis pacem ver­tont. Sie wurde 2020 „während der weltweit­en Coro­na-Pan­demie geschrieben“, erläutert Michel. „Das weit­ge­hend lah­mgelegte öffentliche Leben erlaubte zeitweise nur kleine Beset­zung.“ War der Gemein­dege­sang zwar nicht erlaubt, so war bei entsprechen­den Abstän­den eine Solo-Stimme in vie­len Kirchen möglich. Der Orgel­part ist leicht bis mit­telschw­er, das Sopran-Solo kann von einem ver­sierten Chor-Mit­glied gesun­gen wer­den. Michel schaut mit dieser Messe aber auch über die momen­tane Mach­barkeit hin­aus in die Zukun­ft und gemah­nt uns, diesem Blick zu fol­gen: „Diese Messe soll später ein­mal an alle diejeni­gen erin­nern, die diesem heimtück­ischen Virus zum Opfer gefall­en sind, sowie an diejeni­gen, die in ihrer Exis­tenz durch die Pan­demie-Maß­nah­men bedro­ht waren.“

Alle vier Kom­po­si­tio­nen zeigen, dass man sich mit ein­fach­sten musikalis­chen und tech­nis­chen Mit­teln den großen Fra­gen unseres Daseins näh­ern kann. Sich­er kann man in vie­len Kirchen großar­tige Impro­vi­sa­tio­nen hören, die auch mit neuen Klän­gen arbeit­en, mit Dis­so­nanzen gar. Dem einen der anderen Gottes­di­en­st­be­such­er mögen dabei das tägliche Ein­er­lei oder das Lei­den der Welt durch den Kopf gehen. Wichtig ist es, die Prob­leme der Welt klar auszus­prechen, eben auch und ger­ade in der Kirche, vor Gottes Angesicht.

Ralf-Thomas Lind­ner