Max Reger

Sämtliche Bearbeitungen für Orgel

Ulrich Walther an der Stahlhuth-Jann-Orgel (1912/2002) der Pfarrkirche St. Martin zu Dudelange (Luxemburg)

Verlag/Label: 4 CDs, organumclassics, Ogm 174039 (2018)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/03 , Seite 60

Bewertung: 5 von 5 Pfeifen

Der Löwenan­teil des hier einge­spiel­ten Reper­toires beste­ht aus Be­arbeitungen von Bachs „Clavier-Werken“ durch Max Reger (Prae­lu­di­en und Fugen aus dem Wohltem­perierten Clavier, Toc­cat­en, eine Fan­tasie, Suit­en­sätze, die 15 [zweis­tim­mi­gen] Inven­tio­nen durch jew­eils eine dritte Stimme Reger’scher Prove­nienz  zur soge­nan­nten „Schule des Triospiels“ aug­men­tiert). Ein Teil der Arrange­ments bilden kom­pos­i­torisch „restau­ri­erte“ Skizzen Regers. Sowohl Reger wie Ulrich Walther beschre­it­en hier ganz andere Wege als der leg­endäre angel­säch­sis­che Orgel­bear­beit­er William Thomas Best in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts: Regers Bear­beitun­gen sind inten­tion­s­gemäß schon an sich neben aller Text­treue „Werk­in­ter­pre­ta­tio­nen“.
Den Hörein­druck dominieren die über­hitzen Artiku­la­tio­nen und vorgegebe­nen dynamis­chen Ver­läufe Regers, reiche Klang­far­ben der Orgel sowie die Bach’sche Har­monik, die in diesem Zusam­men­hang sehr roman­tisch anmutet; die kom­plizierten satztech­nis­chen Struk­turen Bachs sind dage­gen eher Neben­sache. Walther gelingt es meis­ter­haft und ohne klan­gliche Brüche, die abstrak­ten dynamis­chen Vorschriften Regers (Man­u­alverteilung, Crescendi/Decrescendi, pp bis ff) mit fließen­den Reg­istrierun­gen zu real­isieren – von der Vox cœlestis zum Reger’schen „Organo Pleno“ und zurück.
Der kleinere Teil des Albums bietet Regers Arrange­ments eigen­er Werke und von Stück­en ander­er Kom­pon­is­ten (Richard Strauss, Chris­t­ian Sind­ing), allen voran Listzs Leg­ende Der heilige Franz von Paula auf den Wogen schre­i­t­end. Das stimmt allerd­ings nicht ganz, denn es sind auch einige hypo­thetis­che Rekon­struk­tio­nen ander­er Mu­siker von Bear­beitun­gen dabei, die Reger nur in schriftlichen Quellen erwäh­nt hat, so Liszts Har­monies du soir, dessen Inter­pre­ta­tion für den Rezensen­ten den Höhep­unkt dieser Ein­spielung darstellt.
Eine mod­erne Zutat ist die Bear­beitung von Regers pop­ulären Mozart-Vari­a­tio­nen für Orches­ter durch den Inter­pre­ten, der hier eine vir­tu­ose Glan­zleis­tung absolviert hat. Apro­pos „mod­ern“: Das gesamte Album hat nicht einen his­torischen, son­dern einen eher mod­er­nen goût. Die Stahlhuth/­Jann-Orgel von Dude­lange klingt imposant, rund und har­monisch, es stören aber bei der Into­na­tion der Labi­al­reg­is­ter der fehlende ener­gis­che „Strich“ à la Wal­ck­er oder Sauer und die sehr deut­liche (franko­phone) Präsenz von Zun­gen­reg­is­tern ab dem Forte aufwärts; das ist für deutsche Orgeln aus dem Umfeld von Reger doch eher untyp­isch. Auch das ein­er­seits agogisch und dynamisch hochsen­si­ble, ander­er­seits müh­e­los vir­tu­ose Spiel Walthers mutet eher mod­ern als „his­torisch ori­en­tiert“ an.
Das aus­führliche, bebilderte Text­heft enthält viele inter­es­sante his­torische Fak­ten und Erläuterun­gen zu Regers Orgel­bear­beitun­gen, auf­führung­sprak­tis­che Über­legun­gen, Infor­ma­tio­nen über Regers Orgelin­stru­men­tar­i­um und eine Beschrei­bung der Orgel in Dude­lange.
Faz­it: Ulrich Walther hat mutig ein eher abseit­iges Reper­toire einge­spielt und mit sein­er Art der Inter­pre­ta­tion einen organ­is­tis­chen Bravourakt vollführt.

Wol­fram Syré