Matthäus Hertel

Orgelschlüssel

Ausgewählte Schriften, hg. von Wolf Bergelt und Wolfgang J. Brylla

Verlag/Label: Freimut und Selbst, Berlin 2019, 200 Seiten, 29,80 Euro
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/02 , Seite 54

In der Rei­he „Doku­mente der Orgel­welt“, die im Herb­st 2009 in der „edi­tion labi­um“ angelegt wurde, sollen wertvolle wis­senschaft­srel­e­vante Quellen gesichert wer­den, die nur noch in weni­gen Exem­plaren greif­bar sind. Der vor­liegende 9. Band ist Matthäus Her­tel (ca. 1620–1672) gewid­met, der von 1652 bis 1672 als Organ­ist, Orgel­sachver­ständi­ger und Musik­the­o­retik­er im schle­sis­chen Zül­lichau (Sulechów) wirk­te. Dort bere­it­ete er ein Manuskript zur Veröf­fentlichung vor, dessen Druck erst nach seinem Tod unter einem anderen Namen, aber anscheinend in so klein­er Auflage erfol­gte, dass bish­er kein einziges Exem­plar mehr auffind­bar ist. Das hand­schriftliche Orig­i­nal gelangte in die Musik­abteilung der Staats­bibliothek Berlin, wurde aber um 1990 gestohlen.
Matthäus Her­tels Orgelschlüs­sel (1666) kon­nte den­noch in die Rei­he aufgenom­men wer­den, da sich ins­beson­dere der Musik­wis­senschaftler Georg Schüne­mann (1884–1945) im Jahr 1922 in ein­er Pub­lika­tion mit dieser Quelle befasste (Schüne­manns Auf­satz mit dem Titel „Mat­thäus Hertel’s the­o­retis­che Schriften“ erschien im Archiv für Musik­wis­senschaft Nr. 4, S. 336–358, Reprint: Hildesheim 1964). Das vor­liegende Buch basiert auf dieser Unter­suchung, die voll­ständig abge­druckt ist (S. 9–46).
Her­tel konzip­ierte sein Werk als prak­tis­ches Hand­buch für den Organ­is­ten mit orgelkundlichen Über­legungen, Hin­weise für das Regis­rieren und für das Gen­er­al­bassspiel. Schüne­manns Unter­suchung mit zahlre­ichen Zitat­en aus Her­tels Ori­ginaltext schließt eben­falls Beispiele für die Gen­er­al­bassprax­is mit ein. Dabei fällt auf, dass Her­tel Gen­er­al­bassz­if­fern aus didak­tis­chen und anderen Grün­den freier und unsys­tematischer ver­wen­det hat als später üblich. Die Klang- und Noten­beispiele der von Her­tel zusam­mengestell­ten Übun­gen sind bei YouTube unter dem Titel „Bas­so Con­tin­uo (his­torische Übun­gen)“ ver­füg­bar.
Im zweit­en Teil des Buch­es sind Manuskrip­tkopi­en von Her­tels Orgelschlüs­sel abge­druckt, die nun für die Forschung einen nutzbaren Ersatz für die ver­loren gegan­genen Orig­i­nale darstellen. Dadurch ist der Orgelschlüs­sel, ein­schließlich der 13 Dis­po­si­tio­nen (z. B. Orgeln in Zit­tau, St. Johan­nis [drei Orgeln], Bres­lau, St. Elis­a­beth, und Zül­lichau, Stadtkirche), voll­ständig erhal­ten.
Das Vor­wort, die Anmerkun­gen und die Dis­po­si­tio­nen sind in lateinis­ch­er Schrift gedruckt, Schüne­manns Text ist in der orig­i­nalen Frak­tur wiedergegeben, und Her­tels Manuskripte sind in deutsch­er Schreib­schrift ver­fasst.
Der schriftenkundi­ge Orgelinte­ressierte wird das Buch mit Gewinn lesen. Der sicher­lich lobenswerten Edi­tion wäre ein aufmerk­sameres Lek­torat zu wün­schen.

Achim Seip