Organum XX

Stationen österreichischer Orgelkultur im 20. Jahrhundert (= Wiener Beiträge zu Orgel und Kirchenmusik, Band 4)

Verlag/Label: Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien 2018, 224 Seiten, mit CD, 35 Euro
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/02 , Seite 54

Anton Heiller (1923–79) gehört zu den bedeu­tend­sten Organ­is­ten­per­sön­lichkeit­en des 20. Jahrhun­derts. Als Inter­pret, Impro­visator, Kom­pon­ist, Päd­a­goge und Organologe genießt er inter­na­tionales Anse­hen. Unmit­tel­bar nach seinem Studi­um an der Wiener Musikhochschule von April 1941 bis Juni 1942 (Fäch­er Orgel, Klavier, Cem­ba­lo und Musik­the­o­rie) wurde er zum Mil­itär­di­enst einge­zo­gen. 1945, im Alter von nur 22 Jahren, erhielt er an der Wiener Musikhochschule eine Pro­fes­sur für Kirchen­musik (Fäch­er Orgel, Ton­satz und ab 1969 Kirch­liche Kom­po­si­tion). Der Gewinn des ersten Preis­es 1952 beim Impro­vi­sa­tion­swet­tbe­werb in Haar­lem machte ihn inter­na­tion­al bekan­nt; später wirk­te er in Haar­lem als Dozent und übte dort einen großen Ein­fluss auf die Teil­nehmer aus. Zu Heillers Schülern zählen u. a. Mar­tin Lück­er, Michael Rad­ules­cu, Peter Planyavsky, Roman Summer­eder, Ekke­hard Sch­neck und Ernst Triebel.
In dieser umfassenden Doku­men­ta­tion und Würdi­gung beschreibt Roman Sum­mered­er in dem Kapi­tel „Heiller, Hin­demith und andere – Eine Studie zur Auf­führung­sprax­is im 20. Jahrhun­dert“ die Situa­tion von Orgel­bau und Orgelkom­po­si­tion nach 1945 mit Schw­er­punkt bei den Län­dern Deutsch­land und Öster­re­ich. Als Kom­pon­ist und Inter­pret war Heiller u. a. mit Paul Hin­demith und Johann Nepo­muk David bekan­nt. Im Ver­gle­ich zu seinen Zeitgenossen ver­stand er sich als „Kom­pon­ist der Mitte, der einen Drit­ten Weg zwis­chen Tonal­ität und Dodeka­phonie“ beschre­it­et.
Wolf­gang Kreuzhu­ber schildert den ereignis­re­ichen Weg von der Pla­nung ein­er Haup­torgel für den Neuen Dom in Linz bis zur Fer­tig­stel­lung der „Rudigi­er-Orgel“ durch die Fir­ma Mar­cussen (70/IV/P) im Jahr 1968 („eine der besten Orgeln der Welt“). Zu den ersten Spiel­ern dieser Orgel gehörten neben Anton Heiller auch Hans Hasel­böck und Gas­ton Litaize. Ein Inter­view, das Wolf­gang Kreuzhu­ber 2016 mit Albrecht Buch­holz, dem Into­na­teur der Rudigi­er-Orgel, führte, run­det das Gesamt­bild dieses über­wälti­gen­den Instru­ments ab und leit­et zur von Peter Planyavsky ver­fassten Baugeschichte der Hradet­zky-Orgel (1968) in St. Ursu­la in Wien über, die eine ver­gle­ich­bare Wirkung auf den Orgel­bau und die Orgel­szene in Öster­re­ich ausübte.
Die beige­fügte CD enthält außergewöhn­liche Ton­doku­mente. Anton Heiller spielt an der Rudigi­er-Orgel eine Impro­vi­sa­tion über „Ave maris stel­la“ sowie Max Regers Choral­fan­tasie Wachet auf, ruft uns die Stimme op. 52, 2 (Auf­nah­men von 1968 und 1973). Außer­dem inter­pretiert Peter Planyavsky Heillers Ecce lignum cru­cis an der Orgel der Wiener Ursu­li­nenkirche (Auf­nahme von 1970).
Den Her­aus­ge­bern, Autoren und Gestal­tern ist großer Dank für dieses lesenswerte, sprach­lich aus­ge­feilte Buch (auch verse­hen mit Fak­sim­i­les von Auto­graphen) auszus­prechen. Es set­zt die Rei­he bedeu­ten­der Orgelpub­lika­tio­nen aus Öster­reich aus ver­gan­genen Jahren fort.

Achim Seip