Percy Whitlock

Organ Sonata

+ Werke von Lynnwood Farnam, Fela Sowande und Percy Grainger. Darius Battiwalla an der J.-J.-Binns-Orgel der Rochdale Town Hall (UK)

Verlag/Label: Hybrid-SACD, Base2 Music (2021)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/03 , Seite 63

Bew­er­tung: 4 von 5 Orgelpfeifen

Während der indus­triellen Hochblüte Nord­englands gön­nte sich die Stadt Rochdale 1871 eine neu­go­tis­che Town Hall mit einem der bes­ten Konz­ert­säle des Lan­des. Die von Anfang an vorge­se­hene Orgel kam 1913 dazu. Erbaut wurde sie von der Fir­ma J. J. Binns aus dem benach­barten Leeds, bekan­nt für dauer­hafte Kon­struk­tion­sweise und die Ori­en­tierung am Klangstil der thüringis­chen Orgel­bauer Schulze, die durch ihre Exporte ab 1851 den englis­chen Orgel­bau stark bee­in­flussten. Die Orgel der Rochdale Town Hall, erbaut mit pneu­ma­tis­chen Schleif­laden, wurde 1979 von Walk­er elek­tri­fiziert und 2003 von Andrew Car­ter aus Wake­field über­holt, der auch ihre Tuba wieder spiel­bar machte.
Dar­ius Bat­ti­wal­la, Stad­tor­gan­ist von Leeds, hat hier die Orgel­sonate von Per­cy Whit­lock (1903–46) einge­spielt, kom­poniert 1935/36. Whit­lock war nach ein­er zunächst kirch­lichen Lauf­bahn 1935 Bor­ough Organ­ist in Bournemouth gewor­den, wo ihm eine Comp­ton-The­aterorgel zur Ver­fü­gung stand. Der Stil sein­er Sonate ist der Nachro­man­tik von Delius und Rach­mani­now verpflichtet (eine ver­schlüs­selte Notiz im Manuskript spielt auf bei­de an) und in weit­en Par­tien pianis­tisch-vir­tu­os gehal­ten. Bat­ti­wal­las Inter­pre­ta­tion knüpft hier an: Durch seine zügi­gen Tem­pi in den Eck­sätzen, beson­ders im abschließen­den zwanzig­minüti­gen „Choral“, nimmt er der Sonate alles Behäbige. Er macht ihre Span­nun­gen hör­bar und gibt den Farb­wech­seln, teils detail­liert vorgeschrieben, ihren präzisen for­malen Sinn. Auch wo die Binns-Orgel nicht fol­gen kann – sie besitzt z. B. kein weich­es Horn-Reg­is­ter –, find­et er ein­leuch­t­ende Lösun­gen. Der hor­ror­film­reife Prospekt mag anderes erwarten lassen: Das Instru­ment klingt machtvoll und kon­turen­scharf, seine bei­den dreifachen Quint­mix­turen ste­hen in Bal­ance mit den Trompe­ten­reg­is­tern und wer­den von einem klar zeich­nen­den Prinzi­palensem­ble getra­gen. Es ist Haup­tak­teur im Klanggeschehen, Flö­ten­chor und Stre­ich­er ver­schieden­er Schär­fe­grade arbeit­en ihm fär­bend und kon­trastierend zu. Beson­ders ist es aber Bat­ti­wal­las poet­is­ches, gerne auch drän­gen­des Spiel, das die Auf­nahme ausze­ich­net. Er will nicht lux­u­riöse Orch­esterk­länge ein­er Orgel insze­nieren, son­dern diese drama­tisch-lei­den­schaftliche Musik zum Sprechen brin­gen. Dank makel­los­er Tech­nik und klar­er Dra­maturgie glückt ihm das ein­drucksvoll – und der Hör­er ver­passt dank der her­vor­ra­gen­den Auf­nahme kein Detail.
Das kündigt sich bere­its in der eröff­nen­den Toc­ca­ta über „O fil­ii et fil­i­ae“ an, die ihr Kom­pon­ist, der Orgelvir­tu­ose Lyn­nwood Far­nam, offen­bar gerne als Probestück für ihm unbekan­nte Instru­mente ver­wen­dete. Ein­drucksvoll ist auch das Kyrie des nige­ri­an­is­chen Kompo­nis­ten Fela Sowande (1905–87), eine Art sin­fonis­che Dich­tung über ein geistlich­es Lied in der Yoru­ba-Sprache. Blythe Bells, Per­cy Graingers Para­phrase über Bachs „Schafe kön­nen sich­er wei­den“, beschließt das Pro­gramm, vielle­icht als Gruß an das pop­uläre Reper­toire, das auf den englis­chen Town-Hall-Instru­menten zuhause war.

Friedrich Spron­del