Heinrich Scheidemann

Organ Music

Hilger Kespohl an der Arp Schnitger-Orgel von St. Pankratius in Neuenfelde

Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm, MDG 902-2113-6 (2019)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/04 , Seite 53
Bew­er­tung: 5 von 5 Pfeifen (= Ref­erenz)
Selb­st wenn Organ­ist, Orgel­bauer und Ton­meis­ter ihr Bestes geben: Ein­spielun­gen auch von anspruchsvoll­sten Werken Alter Meis­ter reichen sel­ten an das Hör­erleb­nis im Raum selb­st her­an. Diese bei­den Auf­nah­men sind hierzu wohltuende Gegen­beispiele. Die durch Kris­t­ian Wegschei­der (Dres­den) vorzüglich restau­ri­erte Schnit­ger-Orgel von 1688 wird hier eben­so vorteil­haft präsen­tiert wie die kluge Auswahl aus dem Œuvre der bei­den an Ham­burg­er Haup­tkirchen wirk­enden Vertreter der großen nord­deutschen Orgelkun­st im 17. Jahrhun­dert, Matthias Weck­mann und Hein­rich Schei­de­mann.
Zutr­e­f­fend und hier bestens ver­mit­telt ist die Ein­schätzung von Jo­hann Matthe­son von 1740, Matthias Weck­mann ver­möge „die prae­to­ri­an­is­che Ern­sthaftigkeit mit ein­er Scheidemann’schen Lieblichkeit zu mäßi­gen, und also viele galante Erfind­un­gen einzuführen.“ Gemeint ist die wohl große Begabung Weck­manns, die ältere, mitunter etwas stei­fleinene Chor- und Orgel­tra­di­tion der Organ­is­ten-Dynas­tie Prae­torius mit den gelenkigeren und gefäl­ligeren Wen­dun­gen von Hein­rich Schei­de­mann zu kom­binieren. Deshalb kon­nte sich Weck­mann 1655 mit einem offen­bar bril­lanten Probe­spiel erfol­gre­ich als Organ­ist an der Haup­tkirche St. Jaco­bi in Ham­burg bewer­ben, wo man „von Gott beglückt wehre, mit einem Kün­stler, der Gott und Men­schen dienen konte“. – Schon die ersten Tak­te von Komm Heiliger Geist, Herre Gott ziehen die Hör­er förm­lich hinein in die Folge von freien und choral­ge­bun­de­nen Kom­po­si­tio­nen – unge­mein far­ben- und ein­fall­sre­ich aus­reg­istri­ert und stets mit zupack­ender, den­noch lock­er­er Hand musiziert.
Großar­tig ist, dass die bei­den Ein­spielun­gen auch bezüglich der Kom­pon­is­ten in Zusam­men­hang ste­hen: Der Sweel­inck-Schüler Hein­rich Schei­de­mann hat­te zum etwas jün­geren Matthias Weck­mann engen Kon­takt; später waren die bei­den Kol­le­gen – Schei­de­mann an der Haup­tkirche St. Kathari­nen in Ham­burg. Er nahm durch den wei­thin bekan­nten Johann Jacob Froberg­er Ein­flüsse aus Süd­deutsch­land bzw. Ital­ien auf und entwick­elte die clavieris­tis­chen Gen­res Can­zona oder Bal­lett teils über weltliche The­men weit­er. Bere­ichert wird der hier gebotene Werk-Quer­schnitt durch Intavolierun­gen von Vokalmusik und Vari­a­tion­swerke, die noch der römisch-lateinis­chen Tra­di­tion fol­gen, also gre­go­ri­an­is­che Can­tus fir­mi ver­wen­den. Selb­st bei dieser etwas härteren Kost ver­siegt Kes­pohls Spiel­freude nie.
Erstaunlich ist, wie elastisch sich in bei­den Auf­nah­men der Klang der 34-reg­istri­gen Orgel, eine der weni­gen, die Schnit­ger ganz neu baute, for­men lässt: In eini­gen Pas­sagen tür­men sich wuchtige, den­noch gleißende Ple­na über bohren­den Pause­nen­tö­nen im Ped­al. In manchen Choral­versen dage­gen oder in Schei­de­manns Can­zona wird sie zum zarten Kam­merin­stru­ment, fast zu einem Cem­ba­lo oder zu ein­er Vogeluhr. Die aus­ge­feil­ten Reg­istrierun­gen sind in den Book­lets minu­tiös ver­merkt; lei­der fehlt bei Vol. 1 die Orgeld­is­po­si­tion (eine Seite dafür ist frei). Die Kom­mentare gehen in angemessen­er Dosis und flüs­sig les­baren Tex­ten auf die Viten der Kom­pon­is­ten, ihr Orgelschaf­fen und das ein­ma­lige barocke Neuen­felder Kirchen-Ensem­ble ein.
Hein­rich Schei­de­mann und Matthias Weck­mann schufen unge­mein kom­plexe Musik. Dies gilt für ihre Satzstruk­tur mit anspruchsvollen Kanon­führun­gen und bizarren Echo-Effek­ten eben­so wie für ihren tech­nis­chen Anspruch: In raschen Läufen sind Verzierun­gen auszuführen, dazu oft noch Reg­is­ter- oder Man­u­al­wech­sel zu bewälti­gen; auch har­monisch ist stets Inter­es­santes geboten. All dies bewältigt der Inter­pret mit Leichtigkeit. Das Wichtig­ste aber ist, dass es Hilger Kespohl ver­ste­ht, unge­mein fröh­lich Orgel zu spie­len. Welche Freude ent­fal­ten diese Her­rlichkeit­en erst im fes­tlichen Barock­saal der Neuen­felder Kirche bei Konz­erten – und beson­ders im Gottes­di­enst!
Markus Zim­mer­mann