Paul Lincke

Operettenmelodien

für Orgel gesetzt von Christian Kropp

Verlag/Label: Verlag Daniel Kunert 1219-02
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/01 , Seite 55

Der Zweck heiligt bekan­ntlich die Mit­tel. Heiligt ein über­wiegend (noch) als sakral assozi­iert­er Klang ein­er Pfeifenorgel auch jede (noch so) pro­fane Musik? Eine echte Gretchen­frage, sog­ar eine in dop­pel­tem Sinne. Wenn es eine Gren­ze zwis­chen sakraler und pro­fan­er Musik denn (über­haupt) gibt – wo genau ver­läuft sie? Zunehmend stellt sich aber ins­beson­dere bei Konz­erten in noch aktiv genutzten Kirchen­räu­men Gretchens Frage an Faust auch ganz konkret: „Nun sag’, wie hast du’s mit der Reli­gion?“
Dem aus­ge­bilde­ten Kirchen­musik­er und Organ­is­ten Chris­t­ian Kropp, im Haupt­beruf Richter im Freis­taat Thürin­gen, der die vor­liegenden Operetten­melo­di­en von Paul Linke – wie er selb­st schreibt – „gesucht, gefun­den, bear­beit­et und für Orgel geset­zt“ hat, kön­nte Gretchen in ihrer Selb­st­beant­wor­tung der berühmten Frage an Faust wohl kaum vor­w­er­fen: „… Allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon.“ Eher trifft dieses Gretchen-Zitat heute punk­t­ge­nau den Zus­tand der Amt­skirchen, die wohl noch nie so welt­fremd – oder soll man gar sagen: weltab­weisend – waren, wie sie uns heute als Insti­tu­tion lei­der allzu oft erscheinen mögen.
Die Operetten­melo­di­en sind als Schlussstück des Kirmeskonz­erts im Thüringis­chen Mühlhausen ent­standen, wo Kropp seit 2001 an der Rühlmann-Orgel von St. Petri-Mar­garethen wirkt. Und wer wollte ern­sthaft behaupten, dass die Kirmes nichts mit Reli­gion zu tun hat? Es war einst mit das höch­ste Fest im Jahresablauf, der Gedenk­tag der Kirch­wei­he; statt gear­beit­et wurde während der „Kirchmess“ aus­ge­lassen gefeiert, getanzt und gegessen. Man kön­nte auch sagen, in ihrem Ursprung hat­te die Kirche da samt Kirmes noch ihren Platz im Dorf!
Und so muss man diese Operetten­melo­di­en erst gar nicht als min­der­w­er­tiges, pro­fanes Zeug abtun. Ist Jazz auf der Kirchenorgel denn grund­sät­zlich etwas Höher­w­er­tiges, nur weil es ein ver­meintlich intellek­tuelleres Klien­tel bedi­ent? Jede gute Musik zeugt von/vom „Geist“, und wenn sie wie hier gepaart mit unbeschw­ert­er Lebens­freude daherkommt, kön­nte man sie gar im musikalis­chen Sinne als echte „Fro­he Botschaft“ ver­ste­hen: nicht jam­mern und nörgeln, auch ein­mal die Feste feiern, wie sie fall­en – sofern es denn auch wieder unbeschw­ert möglich ist. So span­nt sich der Bogen von der Siame­sis­chen Wacht­pa­rade über die Ver­schmähte Liebe und Ja, wenn du denkst, ich lieb dich’ nicht hin zu Lasst den Kopf nicht hän­gen, Kinder, seid nicht dumm und Folies – Bergère, um schließlich, wie kön­nte es anders sein, wie selb­stver­ständlich bei der Berlin­er Luft zu lan­den, auch wenn sie heute wohl nicht mehr so sauber ist wie noch zu Linck­es Zeit­en.
Kurzum, wer sich nicht zu schade ist, auch mal einen ent­ge­genk­om­menden Schritt auf sein Pub­likum zu wagen, und sich dann auch nüchtern eingeste­ht, dass sich der Anteil soge­nan­nter „Spezial­is­ten“ unter den Zuhör­ern eher im Promillebe­reich bewegt, der wird für dieses Stück ganz bes­timmt viel spon­tane und ehrliche Dankbarkeit ern­ten. Für ver­sierte Organ­istin­nen und Organ­is­ten dürfte Kropps Lincke-Pot­pour­ri nicht mehr als eine Vom-Blatt-Spiel-Übung sein. Da viele Pas­sagen prob­lem­los und ein­fach „aus den Fin­gern laufen“, ist der Übeaufwand für alle anderen sehr über­schaubar.

Wolf­gang Valerius