Werke von Mons Leidvin Takle, Iain Farrington, Théodore Dubois, Christian Praestholm, Percy Fletcher, Anders S Börjesson, Hans-André Stamm, Eugène Gigout, Johannes Brahms, Pietro Alessandro Yon und Sverre Eftestøl

Northern Lights

Christopher Herrick an der Orgel des Nidaros-Doms in Trondheim (Norwegen)

Verlag/Label: Hyperion CDA 68376 (2021)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/02 , Seite 63

Bew­er­tung: 4 von 5 Pfeifen

Yes! Tre­f­fend­er lässt sich die jüng­ste Ein­spielung von Christo­pher Her­rick an der Stein­mey­er/Kuhn-Orgel des Nidaros­doms im nor­wegis­chen Trond­heim wohl nicht beschreiben. In pan­demis­ch­er Zeit ent­standen, dazu in ein­er Region, die mit dem Dunkel end­los­er erscheinen­der Win­tertage leben muss, ist diese Scheibe nicht nur ein musikalisch ful­mi­nan­ter Licht­blick, sie ist auch ein einziger Fre­un­denge­sang eines sin­gulären Organ­is­ten, der gera­dewegs die Achtzig ans­teuert und schein­bar nichts von sein­er bezwin­gen­den Frische und Musizier­freude ver­loren hat.
Gute, tech­nisch ver­sierte Organ­is­ten gibt es heutzu­tage wohl viele. Aber was genau zeich­net einen guten Organ­is­ten aus? Reicht es da, zu jed­er Zeit, an jedem Ort, auf
jedem Instru­ment ein mehr oder min­der begren­ztes Stan­dard­reper­toire abrufen/abspulen zu kön­nen? Oder erken­nt man die wirk­lich guten Organ­is­ten, oder bess­er gesagt, einen wahren Musik­er nicht eher an sein­er beson­deren Pro­gram­mgestal­tung? Let­zteres ist sicher­lich eines der her­ausstechend­sten Merk­male Christo­pher Her­ricks. Seine Werk­wahl lässt stets, wie auch bei dieser Ein­spielung, einen klaren regionalen Bezug erken­nen, fängt intu­itiv Stim­mungen ein, die es eben so nur an diesem bes­timmten Ort gibt. Und genau damit rückt er den in den Fokus, um den es let­ztlich bei allem kün­st­lerischen Tun doch geht: den Rezip­i­en­ten! Freilich bedarf es da eines gewis­sen Charis­mas, aber auch ein­er gesun­den Por­tion „Unter­state­ment“, die außer­halb des Unit­ed King­dom nur weni­gen gegeben ist.
Wer, wenn nicht Christo­pher Her­rick, kön­nte ans Finale sein­er Ein­spielung ein der­art unpräten­tiöses, ja fast schon banales Stück wie Sverre Eftestøls (geb. 1952) Hochzeits­marsch set­zen, ein Stück, das nahezu oblig­a­torisch bei allen Hochzeit­en in Nor­we­gen erklingt. Da ist nicht der akro­batis­che Vir­tu­ose gefordert, der sich und sein Instru­ment in let­zter Aufopfer­ung bis an die Gren­ze des Mach­baren aus­reizt. Vielmehr entlässt Her­rick seine Hör­er hier, wie er selb­st sagt, mit einem „her­rlichen Ohrwurm“. Kann man seinem Pub­likum mehr Rev­erenz erweisen?
Ein weit­eres unver­wech­sel­bares Kennze­ichen von Her­rick ist sodann sein „Ent­deck­er­drang“. Wessen Par­ti­turen es aufs Noten­pult des britis­chen Organ­is­ten schaf­fen, der wird schnell in der weltweit­en „Orgel-Com­mu­ni­ty“ zahllose „Fol­low­ers“ find­en, kommt die dem Kompo­nisten zuteil wer­dende Ehre doch einem royalen Rit­ter­schlag gle­ich. Mons Lei­d­vin Tak­le (geb. 1942), sicher­lich ein eigen­williger Paradiesvo­gel der anson­sten recht grauen Zun­ft, eröffnet mit Yes! den Reigen hör­erfre­undlich­er Pre­tiosen, gefol­gt von Iain Far­ring­ton (geb. 1977), Chris­t­ian Praestholm (geb. 1972), Anders S Bör­jes­son (geb. 1975)
sowie Hans-André Stamm (geb. 1958). Ihre Musik besticht durch echte, ungekün­stelte Spiel­freude und ver­di­ent es, häu­figer als Munter­ma­ch­er auf die Pro­gramme konz­ertieren­der Organ­is­ten zu gelan­gen. Man mag den Hang zum Jazz in eini­gen der Stücke in weni­gen Jahrzehn­ten vielle­icht als „Aus­rutsch­er“ betra­cht­en, allen gemein­sam aber ist, dass hier das Instru­ment Orgel in einem durch und durch pos­i­tiv­en, ja wei­thin hell strahlen­den Licht erscheint. Und genau das ist die Botschaft, die das „Instru­ment des Jahres 2021“ nun mal braucht – nicht nur nördlich des Polarkreises!
Last but not least, und auch dies ist typ­isch Her­rick: Was wäre das Ganze, wenn nicht wie neben­bei mehr oder min­der ser­iöse Klas­sik­er sich unters Pro­gramm mis­cht­en? Da hört man genüsslich dem Plätsch­ern von Per­cy Fletch­ers Foun­tain rever­ie zu, lässt sich von Théodore Dubois’ Fiat lux in den grauen Herb­st- und Win­terta­gen gerne „erhellen“. Und selb­st ein Stück voller Ern­sthaftigkeit und Strenge wie Brahms’ Präludi­um und Fuge g‑Moll wirkt da nicht wie ein Fremdkörper.
Die Wächter der „wahren Kun­st“ mögen Christo­pher Her­rick stets einen Hang zu orgel­musikalis­chem Pop­ulis­mus vor­w­er­fen. Am Ende aber wird er mehr für die Köni­gin der Instru­mente geleis­tet haben als die selb­ster­nan­nten Nach­lassver­wal­ter des imma­teriellen Kultur­erbes namens „Orgel­musik“.

Wolf­gang Valerius