Music from Estonia, Latvia and Lithuania

Nordic Journey, Volume XV: Baltic Sojourn

James D. Hicks an der Link-Gaida-Orgel der Pauluskirche in Ulm

Verlag/Label: Pro Organo 7309 (2023)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/01 , Seite 62

4 von 5 Pfeifen

Es ist ein erstaunliches Unterfangen, das der US-amerikanische Organist James D. Hicks da vor mittlerweile 14 Jahren angefangen hat: Eine Orgel-Reise durch die nordischen Länder Euro­pas. Mittlerweile ist er bei Volume XV angekommen und nähert sich bei einem „baltischen Zwischenaufenthalt“ erstmals der ungewöhnlich reichen Musiklandschaft der drei baltischen Länder. Auffällig ist, dass Hicks dabei auf die beiden Großmeister Arvo Pärt und Pēteris Vasks verzichtet, obwohl allein deren Orgelwerke mindestens jeweils eine CD füllen könnten. Neu an Volume XV ist, dass die Werke nicht auf baltischen Orgeln, sondern auf der 2013 durch Thomas Gaida renovierten spätromantischen Link-Orgel von 1910 in der Pauluskirche in Ulm eingespielt wurden. Dies ist schade, waren die bisherigen Volumes der Reihe doch auch eine Reise zu den Orgeln der jeweilig vorgestellten Länder. Die Ulmer Orgel bietet mit ihren 83 Registern auf vier Manualen und Pedal jedoch genügend Abwechslungsreichtum, um den unterschiedlichen Werken dieser CD stets gerecht zu werden; auch die Aufnahmetechnik ist trans­parent genug, um den Eigenheiten der Stücke gut folgen zu können. Im ausführlichen Booklet in Englisch erläutert James D. Hicks sehr persönlich die Genese der Aufnahme und die einzelnen Werke.
Als Auftakt erklingt das kurze Allegro Appassionato des aus einer lettischen Musikerfamilie stammenden Jēkabs Mediņš. Es folgt das umfangreiche (leicht gekürzte) Hauptwerk der CD, die 3. Orgelsonate
f-Moll von Alfred Karindi. Es ist ein unverhohlen spätromantisches Werk aus dem Jahr 1944, noch ganz im Fahrwasser von Rheinberger und Reger, das trotzdem lohnt anzuhören. Ungewöhnlichster Programmpunkt sind sicherlich die Drei Stü­cke für Orgel und Kannel (eine Art est­nische Zither) der 1977 geborenen Komponistin Malle Maltis. Diese „neo-mittelalterlichen“ Stücke ergänzen das Repertoire um bisher ungehörte Klangkombinationen, die von Hicks und Hedi Viisma an der Kannel überzeugend dargeboten werden. Der „spiritus rector“ dieser Aufnahme, der mit Hicks befreundete Vidas Pinkevi­cius, steuert selbst eine 2022 entstandene, auf litaui­schen Volksliedern basierende Li­thu­anian Folk Suite bei, die den Geist von leicht zu hörenden Improvisationen atmet. Beide Kompositionen sind Auftragswerke, die extra für dieses Programm entstanden sind – eine sehr erfreuliche Grundidee der CD-Reihe. Kürzere Stücke von Gie­d­rius Kuprevičius, Česlovas Sasnauskas, Romualds Jermaks sowie die minimal-artige Toccata des 1964 geborenen Rihards Dubra ergänzen das Programm mit hierzulande fast unbekannten Werken.
Estland, Lettland und Litauen bieten so viele musikalische Kräfte, dass zu wünschen ist, Hicks möge künftig einmal jedem baltischen Land (mindestens) eine eigene CD auf seiner hoffentlich noch langen Reise durch den musikalischen Norden widmen.

Christian Münch-Cordellier

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