Michael Schwalb

Max Reger. Der konservative Modernist

Verlag/Label: Friedrich Pustet, Regensburg 2018, 144 Seiten, 12,95 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/03 , Seite 57

Susanne Popp, die weit­er­hin umtriebige ruh­eständ­lerische Lei­t­erin des Karl­sruher Max-Reger-Insti­tuts und pro­movierte Musik­wis­senschaft­lerin, hat mit Werk Statt Leben (rund 540 Seit­en) einen unent­behrlichen biografis­chen Mark­stein zu Max Reger geset­zt. Michael Schwalb, Vio­lon­cel­list, Redak­teur, Pub­lizist, hat dem großen Werk Susanne Popps eine Art kleinen Nef­fen zur Seite gestellt: ein 140-Seit­en-Büch­lein, äußer­lich kom­pakt, inhaltlich kom­prim­iert. Der Autor bietet wenig Neues; er ver­sucht, das Leben des bul­li­gen Oberpfälz­ers mit seinen ungewöhn­lich genialen und unbe­grei­flich zahllosen Kom­po­si­tio­nen chro­nol­o­gisch zu verbinden. Das ist ein schwieriger Hoch­seilakt, der die Gefahr des Sturzes birgt.
Jedoch – man erfährt Details aus Regers Leben, die wenig geläu­fig sind; etwa von seinem Arbeit­sprinzip: Reger entwick­elte stets mehrere Werke gle­ichzeit­ig im Kopf. Aber häu­fig fehlte ihm die Zeit zur Nieder­schrift. Oft benutzte er nach eigen­em Bekun­den dazu die Eisen­bah­n­reisen zu Konz­erten. Vorau­seilend legte er außer­dem eine Liste mit Plä­nen und Opus-Zahlen an, bevor die Tinte auch nur eine konkrete Note geboren hat­te. Kri­tik­er nan­nten ihn zuweilen eine „Kom­po­si­tions­fab­rik“ … und da er viele Werke mit seinen schein­bar unumgänglichen Fugen krönte, hieß man ihn überdies spöt­tel­nd „Fugen­maxl“. Die Fugen­form bewältigte er indessen grandios, auch wenn namhaft-renom­mierte Organ­is­ten ihm das ab und an gerne absprechen.
Jedoch – man erfährt Näheres zu sein­er Ehe: Reger hat Elsa von Bagen­sky heftig umwor­ben und sich ihr, wie ein Poli­tik­er seinen poten­ziellen Wäh­lern, selb­st­darstel­lerisch ange­boten. Sie die Adlige, er der Bürg­er­liche, sie die Protes­tantin, er der Katho­lik („bis in die Fin­ger­spitzen“), der nach der Eheschließung ruck zuck von sein­er Mut­terkirche exkom­mu­niziert wurde (sic!). Bei­de Eheleute ent­fremde­ten sich später zuse­hends, und „das Maxl“ begab sich als Fluchtre­flex auf seine vie­len Konz­ertreisen.
Jedoch – man erfährt viel über Regers Wirkungsstät­ten, etwa über das sein­erzeit katholisch-muf­fige München, dem er in das evangelisch-freie(re) Leipzig ent­floh, oder wie manche sein­er Werke mit mancher­lei Orten (etwa: Wei­den – Orgel­musik; München – Lieder und Kam­mer­musik; Meinin­gen – Orch­ester­w­erke) eng ver­bun­den sind.
Schwalb ist Cel­list und so auch Kam­mer­musik­er. So nimmt dieses Genre in seinem Buch denn auch einen bre­it­en Raum ein. Die Orch­ester- sowie die größeren und kleineren Chor­w­erke erfahren immer­hin eine knappe Schilderung – stets in Verbindung mit den lokalen und poli­tis­chen Gegeben­heit­en (etwa Meinin­gen und Regers Beziehung zum dor­ti­gen Regen­ten). Allein die Orgel­musik lei­det in der vor­liegen­den Darstel­lung doch etwas stiefkindlich. Einzelne der großen Orgel­w­erke erfahren (im Rah­men der 140 Seit­en) Beach­tung. Die „kleinen“, aber auch so vorzüglichen Werke bleiben ganz und gar uner­wäh­nt.
Die bere­its ander­norts sattsam bekan­nten Fotos, Karika­turen und lau­nige Bemerkun­gen über Regers Witzk­isten ergänzen das Büch­lein.

Klaus Uwe Lud­wig