Johann Sebastian Bach
Johannes-Passion BWV 245 – Erste Fassung 1724
Thomanerchor Leipzig, Akademie für Alte Musik Berlin, Ltg. Andreas Reize; Johannes Lang, Orgel
4 von 5 Pfeifen
300 Jahre nach der Erstaufführung von Bachs Johannes-Passion am 7. April 1724 in der Nikolaikirche Leipzig lag es für das neue Musiker-Duo an der Thomaskirche Leipzig Andreas Reize (Thomaskantor) / Johannes Lang (Organist der Thomaskirche) nahe, die erste Version der Passion neu erstehen zu lassen, fußend auf der Fassung, wie sie die dritte Ausgabe des BWV (Wiesbaden 2022) anbietet und in Zusammenarbeit mit Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig. Neben der Besetzung mit nur 26 Choristen, nur mit Oboen eingefärbtem Streichersatz, der solistischen Sopran- und Altpartien und Soliloquenten mit Thomanern und konsequenten Appoggiaturen nach italienischer Manier der Zeit ist die Woehl-Orgel (2000, IV/61) das herausragende Moment dieser Einspielung.
Vielerorts ist belegt, dass die Generalbasspartien barocker Kantaten auf Orgeln mit 16’-, 8’- und 4’-Stimmen in Manual und Pedal gespielt wurden. Johannes Lang bezieht sich auf die Schrift Deutliche Anweisung zum General-Baß, in beständiger Veränderung des uns angebohrnen harmonischen Dreyklanges … (Halberstadt 1772) von Christoph Gottlieb Schröter (1699–1782), in der dieser seine Spielerfahrungen zusammenfasste. Im Digitalisat der Münchener Staatsbibliothek lassen sich seine Spielanweisungen für Rezitative wie das volle Werk nachlesen – polemische Untertöne inbegriffen. Wird hier deutlich die Taktfreiheit bei nur dem Sprachduktus unterworfenen Rezitativen secco gefordert, so beschreibt Schröter im 24. Kapitel „Von kluger Abwechslung der Orgelstimmen bey den unterschiedenen Musikarten“ den je nach Affekt und instrumentaler Besetzung wechselnden Gebrauch der mit jeweils zwei bis vier Registern besetzten Manualwerke. Er bezieht sich dabei auf die in Thüringen und Franken üblichen vielen 8’- und 4’-Stimmen verschiedener Bauarten. §348 macht deutlich, dass auch innerhalb der Tuttisätze bei Zwischenspielen die Manuale gewechselt werden, damit die Instrumentalmusik „nicht übertäubet“ werde.
Wie sich die Befolgung dieser Regeln anhört, machen Reize/Lang auf demonstrative Weise deutlich. So ist die füllige Stärke der Bässe im Instrumentalsatz nicht überhörbar, beeindruckend die halbtaktigen Bass-Akzente durch die Pedal-16’-Register sowie die Pianotakte im B-Teil des eröffnenden Chorsatzes (T. 67, 79, 84). Im da capo führen sie die großartigen crescendo-Möglichkeiten (T. 16) dieser Besetzung vor sowie das dynamische Abziehen bei Achtelbögen (T. 45). Nicht selbstverständlich, doch so wirken die Überleitungen von Orgel und Cembalo vom B-Teil zum da capo oder zum Beginn der Recitative (der Cembalist ist im Booklet leider nicht genannt), bei denen die konsequent angewandten Appoggiaturen gar nicht weiter auffallen. Auch halten sich die rhythmischen Freiheiten der Sänger in Grenzen, da Bach bereits oft rhythmisch dem Sprachduktus entsprechend notierte.
Noch vieles Löbliche ließe sich zu dieser Einspielung schreiben. Bach neu gespielt und neu gehört ist es jedenfalls.
Rainer Goede


