Werke von Ravel, Patrick Gowers, Debussy, Kerensa Briggs, Nadia Boulanger, Owain Park, Britten, Messiaen und Cheryl Frances-Hoad

Images

Anna Lapwood an der Orgel der Kathedrale von Ely in Cambridgeshire (UK)

Verlag/Label: Signum SIGCD 688 (2021)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/02 , Seite 62

Bew­er­tung: 4 von 5 Pfeifen

Das Wesentliche eine CD ist zwar die sil­ber­far­bene Scheibe in der Ver­pack­ung und die darauf geban­nte Musik. Aber den­noch sagt die Hülle in der Regel schon viel über den klan­glichen Inhalt voraus. Und so wirken manche Dinge auf den Betra­chter schon beim ersten Anblick recht verkrampft. So auch das Cov­er von Anna Lap­woods CD Images, das die Kün­st­lerin qua­si einge­bet­tet in die muschelför­mige Skulp­tur Scal­lop zeigt, errichtet zu Ehren von Ben­jan­im Brit­ten am Strand von Alde­burgh. Der Blick der jun­gen Frau geht jedoch am Betra­chter vor­bei, die Gesicht­szüge wirken recht kühl und eher abweisend. Im Inneren des Book­lets posiert Anna Lap­wood dann à la Bot­ti­cel­lis Venus, freilich züchtig bedeckt, aber auch hier ist wenig von sinnlich­er Ausstrahlung/Atmosphäre zu spüren.
All das wäre müßig zu erwäh­nen, nähme Anna Lap­wood nicht für sich in Anspruch, sowohl als Musik­erin wie als Organ­istin eine Art „Beson­der­heit“ in ein­er noch immer von Män­nern dominierten Szene zu sein. Der Satz eines ihrer Lehrer, sie solle „wie ein Mann“ spie­len, habe sie über Jahre nach­haltig in ihrer Entwick­lung gehemmt. Um ange­hende Musik­erin­nen vor der­ar­tiger (Selbst-)Täuschung zu schützen, ini­ti­ierte sie den Hash­tag „#play­likea­girl“.
All das mag ja seine Berech­ti­gung haben, all das passt in unsere Zeit der pausen­losen Mit­teilungs­bedürftigkeit und ist damit wohl nicht zulet­zt auch Aus­druck unser­er Zeit. Den­noch stellt sich (mir) unweiger­lich die Frage, ob eine Dame Gillian Weir, ob Marie-Claire Alain oder auch Jeanne Demessieux sich jemals ern­sthaft da­rüber Gedanken gemacht haben, wie ein Mann oder wie eine Frau die Orgel spie­len. Sie haben als Musik­erin­nen Wel­truhm erlangt, weil sie neben all ihrem Kön­nen stets das Wesentliche ihrer Pro­fes­sion im Blick hat­ten: sich in den Dienst der großen abendländis­chen Musik zu stellen.
Nun aber zum Inhalt der sil­ber­nen Scheibe! Hier überzeugt Anna Lap­wood weit mehr, gle­ich­wohl sie auch hier Eulen nach Athen trägt. Dass die sub­tile Schön­heit der Köni­gin der Instru­mente nicht in ihrer zuweilen bom­bastis­chen Laut­stärke liegt, haben sicher­lich auch fein­füh­lige Organ­is­ten längst ent­deckt. Sei’s drum! Die gewaltige Orgel von Har­ri­son & Har­ri­son der Kathe­drale von Ely bietet einen über­re­ichen Klang­fun­dus, um Rav­els Le Tombeau de Couperin in ein beza­ubern­des impres­sion­is­tis­ches Farb­bad zu tauchen. Und auch Brit­tens Four Sea Inter­ludes in Lap­woods eigen­er Bear­beitung gestal­tet die Musik­erin als ein wun­der­bares klang­liches Farb­meer von schi­er end­los­er, gele­gentlich über­raschen­der Weite. Trotz tech­nisch pro­fun­dem, stets musikalis­chem Spiel, am Ende fehlt dann doch etwas: die Magie des Raumes. Ger­ade das impressionis­tisch Dahinge­hauchte, das nicht konkret Fass­bare ist angesichts ein­er recht trock­e­nen Akustik allzu präsent.
Den­noch: Mit ihrer Debüt-CD set­zt Anna Lap­wood dur­chaus einen Akzent und beweist zudem klares, kantiges, ja auch mutiges Profil.

Wolf­gang Valerius