hg. von Thomas Emanuel Cornelius und Orgelstadt Hamburg e. V.

Hommage à Arp Schnitger 1719–2019

Neun musikalische Refle­xionen zum 300. Todestag

Verlag/Label: Squirus Music
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/04 , Seite 52

Einem der her­aus­ra­gend­sten Orgel­bauer Nordeu­ropas um 1700, Arp Schnit­ger, wurde anlässlich der Wiederkehr seines 300. Geburt­stags in diesem Jahr vielerorts gedacht, sei es mit Konz­erten, Vorträ­gen oder Pub­lika­tio­nen man­nig­faltiger Art. In diesem Zusam­men­hang sei auf das kür­zlich beim Squirus-Ver­lag erschienene Kom­pendi­um Hom­mage à Arp Schnit­ger hingewiesen, her­aus­gegeben von Thomas Emanuel Cor­nelius und Orgel­stadt Ham­burg e. V. Neun AutorIn­nen wur­den ein­ge­laden, völ­lig frei und ohne stilis­tische oder instru­menten­spez­i­fis­che Vor­gabe ein Werk zu Ehren des genialen Orgel­bauers zu kom­ponieren.
Her­aus­gekom­men ist eine inte­ressante Samm­lung zeit­genös­sis­ch­er Orgel­musik zum Teil sehr unter­schiedlich­er Fak­tur, durch­weg ein­fall­sre­ich und von hohem spielerischen Anspruch. Dabei reicht die sti­listische Band­bre­ite von im Per­son­al­stil gefärbten his­torisieren­den Stilkopi­en bis hin zu typ­isch Zeit­genös­sis­chem wie grafis­che Nota­tion.
Thomas Emanuel Cor­nelius’ Aufer­ste­hung arbeit­et sich pro­gram­ma­tisch an der Evan­gelien-Stelle Mat­thäus 28, 1–10 hin­durch und verknüpft das The­ma des ewigen Lebens mit der Unsterblichkeit Schnit­gers durch den Klang sein­er Instru­mente. Das Stück hat keinen fes­ten Takt und ist rhyth­misch sehr knif­flig, was vor allem bei den schnellen Eck­teilen beson­dere Konzen­tra­tion erfordert. Manuel Geras Prae­ludi­um aus A.S wirkt da deut­lich „barock­er“, allerd­ings mit diversen, beson­ders am Schluss eingestreuten „Verfrem­dungseffekten“.
Frank Ger­hardt malt seine Musik im Con­duc­tus, gedanklich bezo­gen auf die Peri­ode der „Notre-Dame-Epoche“, mit Klangflächen. Sehr vari­abel präsen­tieren sich auch die Vier Szenen mit Schnit­ger von Karl-Bern­hardin Kropf, abwech­sel­nd vir­tu­os, min­i­mal­is­tisch oder auch exper­i­mentell. Rhyth­misch osti­nate Mod­ell­haftigkeit find­et sich in Fabio Paianos Fan­tasie über S.C.H.A, während Sarah Proskes Sto­er up! anfänglich einem „Prélude non mesuré“ in der Art der franzö­sis­chen Clavecin­is­ten gle­icht, bevor es mit fest­gelegter lebendi­ger Rhyth­mik weit­erge­führt wird. Sehr viel Arbeit erfordert auch der erste Teil des Präludi­um und Fuge von Paul Leon­hard Schäf­fer. Die Fuge ist anfangs „klas­sisch“ kon­tra­punk­tisch gehal­ten, die Stimm­führung wird aber gegen Ende akko­rdisch aufge­fächert.
Rain­er Theodor Schmitz’ Gott, gib einen milden Regen schlägt mit dem Dichter Mau­ri­tius Kramer einen spez­i­fisch regionalen Bezug zur Kul­tur der Marschen. Die Choral­stro­phen sind nach der Melodie des bekan­ntesten Liedes von Johann Schop, Werde munter, mein Gemüte,  in dem Stück mit ver­woben und wur­den bei der Urauf­führung des Werks von der anwe­senden Gemeinde mit­ge­sun­gen: eine schöne Idee, welche das Pub­likum aus der Posi­tion des reinen Zuhörens he­raus aktiv beteiligt und zudem die his­torische Bedeu­tung der Orgel als litur­gis­ches Instru­ment erfahrbar­ma­chend unter­stre­icht.
Das den Band beschließende Trip­ty­chon für „AS“ von Rain­er Selle ist spielerisch eben­falls höchst anspruchsvoll. Begin­nend mit einem Solo in der Manier eines „Ped­al exer­citium“ von J. S. Bach, offen­bart sich die fol­gende „Toc­ca­ta“ anfänglich als Rem­i­niszenz an Bachs Präludi­um BWV 543, die kurze „Fuge“ wiederum erin­nert mit Ton­na­men­sym­bo­l­ik an die Namen Schnit­ger, Bux­te­hude und Bach. Orig­ineller­weise gibt es das zweite Teil­stück auch in ein­er Alter­na­tiv-Fas­sung für his­torische Orgel ohne Ped­al. Auch der dritte Part „Bicini­um“ und die sehr ein­fall­sre­iche „Pas­sacaglia“ lassen sich eben­falls auf ein­er Orgel mit kurz­er Oktave darstellen.
Alle neun Werke haben ihre Orig­i­nal­ität und ihren Per­son­al­stil und tra­gen zum gelun­genen Gesamter­schei­n­ungs­bild der Pub­lika­tion bei.

Chris­t­ian von Blohn