Ludwig van Beethoven

Fünf Stücke für Flötenuhr WoO 33 / Grenadiermarsch für Flötenuhr WoO 29

eingerichtet für Orgel von Severin Zöhrer

Verlag/Label: Carus 18.013
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/01 , Seite 57

Eine Wiener Attraktion gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das von Joseph Graf Deym eingerichtete Kuriositätenkabinett, in dem Plas­ti­ken und Wachsfiguren zu sehen wa­ren, während zugleich Spieluhren und -automaten für musikalische Untermalung sorgten. Bereits Mozart hatte für Graf Deym einige „Flötenuhr“-Stücke verfasst, und im Auftrag des Grafen schuf auch Beethoven Kompositionen für dieses mit konventionellen Orgelpfeifen versehene mechanische Musikinstrument.
Beethovens Stücke wurden damals auf eine Stiftwalze übertragen, aber ihr Notentext lässt sich selbstverständlich auch auf regulären Pfeifenorgeln zum Klingen bringen. Letzteres zu ermöglichen, ist das Ziel der im Carus-Verlag erschienenen Neuedition. Sie bietet dem Spieler die sogenannten Fünf Stücke für Flötenuhr WoO 33 sowie einen zusätzlichen, im Beethoven-Verzeichnis unter WoO 29 geführten Grenadiermarsch, der ein selt­sames Pasticcio darstellt: In ihm verband Beethoven den Teil eines eigenen Marschs für Bläsersextett mit einem Ausschnitt aus einer ähnlichen Komposition Joseph Haydns. Zu diesem Grenadiermarsch sind keine ursprünglichen Notenaufzeichnungen mehr vorhanden, sondern nur noch das entsprechende Spielwerk, das zudem im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt wurde. Doch glücklicherweise wurde die entsprechende Walze bereits im Beethoven-Jahr 1927, damals noch intakt, ausgelesen.
Eingerichtet für den Gottesdienst- wie auch den Konzertgebrauch wurden Beethovens Flötenuhrstücke durch den Organisten und Kirchenmusiker Severin Zöhrer, wobei der Grenadiermarsch hier erstmals als Orgelarrangement veröffentlicht ist. Beim Spieler liegt es, ob er mit seinen Registrierungen dem Effekt einer „Flötenuhr“ mit begrenztem Klangvorrat nahe kommen oder zu opulenteren Darstellungen gelangen möchte; entsprechende Vorschläge erörtert Severin Zöhrer im Vorwort seiner Edition.
Die Leichtgewichtigkeit der Beet­hoven’schen Stücke geht nicht unbedingt mit technischer Anspruchslosigkeit einher. Zumal das „Adagio assai“ WoO 33/1 ist im Original
so vielstimmig gesetzt (und in der Partitur auf vier Systemen notiert), dass für die Ausführung durch einen Organisten eine Reduktion des Notenvolumens nötig ist. Severin Zöhrers Arrangement bleibt dabei etwas fülliger als die früher im Verlag Hinrichsen veröffentlichte Fassung Ludwig Altmanns. Selbstverständlich wird hier – wie auch sonst bisweilen – das Orgelpedal unterstützend eingesetzt, wobei eine entsprechend helle Registrierung ohne 16-Fuß-Stimmen selbstverständlich ist. Auch in WoO 33/3 ist das Pedal in Severin Zöhrers Bearbeitung un­erlässlich, weil sie die Unterstimme eine Oktave tiefer setzt. Bei Nr. 5 und der im Kern zweistimmigen, nur ab und an akkordisch verstärkten Nr. 4 (deren beider ursprüngliche Bestimmung für Flötenuhr zweifelhaft ist) empfiehlt sich dagegen die Ausführung manualiter.

Gerhard Dietel