John Field

Fünf Nocturnes

für Orgel solo bearbeitet und hg. von Richard Braiser

Verlag/Label: Dr. J. Butz, BUTZ 2992
erschienen in: organ - Journal für die Orgel , Seite 55

Dürfte der Name John Field heute wohl nur noch bei einge­fleis­cht­en Ken­nern der schö­nen Kün­ste, Unter­abteilung Musik in der Rubrik „Kom­pon­ist“, gelis­tet sein, seine berühmteste Erfind­ung sollte jede Musik­erin, jed­er Musik­er schon mal gehört haben: das bzw. die Noc­turne. Zwar set­zt dieses roman­tis­che Gen­restück für Klavier zu­aller­erst wohl die Assozi­a­tion Chopin frei. Doch es war der Clemen­ti-Schüler John Field (1782–1837), der erst­mals diese Beze­ich­nung für ein ruhiges, getra­genes Klavier­stück mit kantabler Melodie über ein­fach­er, meist arpeg­giert­er Begleitung und kon­trastieren­dem Mit­tel­teil in benach­barter Tonart wählte. Entsprechend dem Namen ist die all­ge­meine Stim­mung der Field­schen Noturnes denn auch eher geprägt von nächtlich­er Stille und Dunkelheit.
Warum nun Stücke, die im Umfeld so genan­nter Salon­musik ent­standen sind, aus­gerech­net auf die (Kirchen-)Orgel über­tra­gen? Sicher­lich bietet die musikalis­che Fak­tur hier den äußeren Anlass. Die Melodi­es­timme lässt sich müh­e­los einem Soloreg­is­ter zuweisen, da­runter die Begleitung in dezen­ter Reg­istrierung, das Ganze grundiert mit entsprechend langsam schre­i­t­en­den Ped­altö­nen. Doch macht dies allein aus einem eher intim wirk­enden Klavier­stück für die Kam­mer bzw. den Salon schon ein überzeu­gen­des Orgel­stück? Kann die Orgel mit vielfältig schillern­den, gele­gentlich auch abrupt wech­sel­nden Far­ben sowie größer­er dynamis­ch­er Band­bre­ite punk­ten, so fehlt ihr in Bezug auf eine dif­feren­ziert-feingliedrige Nuancierung und eben­solche Schat­tierung dann doch jegliche Geschmeidigkeit.
Damit diese Noc­turnes auf der Orgel nicht zu ein­er Karikatur ihrer selb­st wer­den, bedarf es eines höchst sen­si­bel agieren­den Musik­ers. Da es sich nicht um vir­tu­ose Paradestücke im herkömm­lichen Sinne han­delt, kann sich der Inter­pret auch voll und ganz auf die Aus­gestal­tung der Zwis­chen­töne in der Par­ti­tur konzen­tri­eren. Ein hohes Maß an Agogik sollte geboten sein, um der Musik einen natür­lich nachemp­fun­de­nen, undok­trinären Fluss zu geben. Allzu metronomis­ches Spiel würde diese Musik in ihrem Keim erstick­en. Die eigentliche Her­aus­forderung ist damit vielle­icht unge­wollt päd­a­gogis­ch­er Natur: Wed­er Tas­te­nakro­batik noch Geschwindigkeit­srausch, son­dern ein­fach nur hin­hören auf das eigene Tun! Tem­pobeze­ich­nun­gen wie „Ada­gio“, „Lento“ oder „Molto mod­er­a­to“ lassen da auf jeden Fall den nöti­gen (zeit­lichen) Spielraum.
Sollte dies den Organ­istin­nen und Organ­is­ten gelin­gen, kann die Beschäf­ti­gung mit dieser so un­prätentiös daherk­om­menden Musik dur­chaus lehrre­ich für das eigene Tun sein und so manchen Leer­lauf monot­o­n­er mech­a­nis­ch­er Geläu­figkeit in die Dunkel­heit der Nacht verbannen.

Wolf­gang Valerius