Bella Kalinowska und Semjon Kalinowsky

From Jewish Life

Bearbeitungen für Viola (Violoncello) und Orgel

Verlag/Label: Bärenreiter BA 11252
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/02 , Seite 54

Die Geschichte der Orgel im Juden­tum geht bis auf den Zweit­en Tem­pel in Jerusalem zurück, der im Jahr 70 durch die Römer niederge­bran­nt wor­den ist. Dort soll es ein orgelähn­lich­es Instru­ment namens „Magrepha“ gegeben haben. Nach der Zer­störung wurde Instru­men­tal­musik im Tem­pel als Aus­druck der Trauer ver­boten, die Orgel ver­lor so für lange Zeit ihre Bedeu­tung im Juden­tum. In Deutsch­land wurde 1810 die erste Orgel in ein­er Syn­a­goge in Seesen am nordwest­lichen Harzrand aufgestellt. In der Folge erhiel­ten viele Syn­a­gogen Orgeln. In der Reich­s­pogrom­nacht 1938 wur­den fast 200 von ihnen vernichtet.
„Im aus­ge­hen­den 19. und am Anfang des 20. Jahrhun­derts erlebte die jüdis­che litur­gis­che Musik in Europa ihre erste Blütezeit. Der vor­liegende Band enthält Bear­beitun­gen von Werken, die der von der Spätro­man­tik inspiri­erten jüdis­chen Tra­di­tion dieser Zeit entstam­men. Im Fokus ste­ht die faszinierende Vielfalt dieser Musik, in der Geistlich­es und Weltlich­es, Reli­gion und All­t­agsleben des jüdis­chen Volkes miteinan­der ver­schmelzen“, ver­spricht der Klap­pen­text. Der Kom­pon­ist Ernest Bloch, der von sich selb­st behauptete, dass er „wed­er ein Gläu­biger noch ein Athe­ist“ sei, hat über den Geist sein­er Musik ein­mal gesagt: „Ich bin Jude. Ich bin bestrebt, jüdis­che Musik zu schreiben, nicht, weil ich mich selb­st anpreisen möchte, son­dern weil es die einzige Möglichkeit ist, wie ich Mu­sik voller Lebendigkeit schaf­fen kann.“ Gut, dass es sich das Kün­stlere­hep­aar Bel­la und Semjon Kali­nowsky zur Auf­gabe gemacht hat, „Musik von zu Unrecht der Vergessen­heit ange­heimge­fal­l­enen Kom­pon­is­ten ins­beson­dere des 19. Jahrhun­derts“ mit großem Ent­deck­er­willen wieder aufzus­püren und diese in prak­tis­chen Aus­gaben zur Ver­fü­gung zu stellen!
Für Vio­la bzw. Vio­lon­cel­lo und Orgel wur­den die in dieser Aus­gabe vorgestell­ten Werke bear­beit­et, die im Orig­i­nal über­wiegend für Vio­lon­cel­lo und Klavier beset­zt sind. Der Schwierigkeits­grad der Orgel­stimme liegt im mit­tleren Bere­ich. Der Aus­gabe sind eine Vio­la- und eine Vio­lon­cel­lo-Stimme beigegeben. In der Spiel­par­ti­tur herrscht eine gewisse Unklarheit über die tat­säch­lich gewün­schte Beset­zung. So find­et sich etwa über Samuel Almans Haf­tara oder über Fer­nand Gus­tave Halphens Andante reli­gioso d’après un thème hébraïque die Anmerkung „für Vio­la und Orgel bear­beit­et“ – abge­druckt wird aber jew­eils die Vio­lon­cel­lostimme. Die Botschaft – ger­ade, weil es eine Aus­gabe aus dem son­st so peniblen Hause Bären­re­it­er ist – lautet wohl: macht es doch, wie ihr wollt!
Grund­lage der aller­meis­ten Werke in dieser Aus­gabe ist eine hebräis­che Volksmelodie oder ein religiös­es jüdis­ches The­ma. So schafft es auch Mau­rice Rav­el als einziger nicht-jüdis­ch­er Kom­pon­ist mit seinem Kad­disch, einem der zen­tralen Gebete des Juden­tums, in diese Aus­gabe. Es ist dieser kla­gende und gle­ichzeit­ig hoff­nungs­fro­he Ton­fall, der Ton­fall eines geknechteten, aber des von Gott auser­wählten Volkes, der diese Stücke so per­sön­lich macht, jeden (vielle­icht) ein wenig irri­tiert aufhorchen lässt und ohne Umwege vom Ohr direkt ins Herz geht. Es ist nicht ein­fach nur Musik – es ist die verk­lan­glichte Geschichte eines ganzen Volkes. Eine Musik, die durch diese Aus­gabe dankenswert­er­weise nun auch uns zur prak­tis­chen Ver­fü­gung steht.

Ralf-Thomas Lind­ner