Max Reinhard Jaehn

Friese. Norddeutsche Orgeln in fünf Generationen

4 Teilbände

Verlag/Label: Thomas Helms Verlag, Schwerin 2014–20, zus. über 1200 Druckseiten, Großformat, Farbbilder
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/03 , Seite 59

Uner­messlich ist das Lebenswerk, das der Arzt Max Rein­hard Jaehn „neben­bei“ erar­beit­ete: eine umfassende Doku­men­ta­tion der Orgel­bauer Friese, die zwis­chen dem spä­ten 18. Jahrhun­dert und dem Beginn des 20. Jahrhun­derts haupt­säch­lich in Meck­len­burg tätig waren. Das Ergeb­nis von Jaehns jahrze­hte­langer akribis­ch­er Forschung liegt nun in vier über­aus stat­tlichen Bän­den zuzüglich ein­er reich­haltig bestück­ten DVD vor.
Um die schi­er unendliche Mate­ri­alfülle über­haupt bewälti­gen zu kön­nen, wid­mete Jaehn dem bekan­ntesten und wohl auch wichtigs­ten Vertreter der Dynas­tie, Friedrich (III) Friese (1827–96), den Teil I. Dieser wiederum beste­ht aus einem Textband und ein­er DVD, die den Werkkat­a­log auss­chließlich dieses Orgel­bauers mit seinem umfan­gre­ichen Datenbe­stand (Akten, Detail­fo­tos und Kom­mentare) im Vol­u­men von mehr als 1200 Druck­seit­en enthält.
Weit­ere 875 „real“ gedruck­te Seit­en (!) befassen sich mit den übri­gen Orgel­bauern der Fam­i­lie Friese, wobei hier zwei Kat­a­logteile dem Textband beigegeben sind. Diese Ein­teilung muss man erst ein­mal durch­schauen, so wie ins­ge­samt die Hand­habung des unge­mein detail­re­ichen Kom­pendi­ums vor allem für Nicht-Lan­deskundi­ge eine gewisse Einar­beitung ver­langt. Befasst man sich jedoch näher mit der Wirkungs­geschichte der für den Nor­dosten Deutsch­lands wichti­gen Orgel­bauer- und Musik­er­fam­i­lie, so wird die Logik dieses Vorge­hens klar: An vie­len der genan­nten Orte arbei­teten mehrere Fam­i­lien­mit­glieder; eine rein chro­nol­o­gis­che Darstel­lung würde zu Über­schnei­dun­gen und wom­öglich zur Ver­wirrung führen.
Schließlich war Friedrich (III) Friese kein beliebiger Handw­erk­er, der die Dor­fkirchen ver­sorgte; seine Lehre bei Carl August Buch­holz ergänzte er durch zwei Aufen­thalte in Paris bei Aris­tide Cavail­lé-Coll. Dies brachte ihm neben handw­erk­lich­er Prax­is und kün­st­lerischem Weit­blick hohe Rep­u­ta­tion ein, so dass er in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts in sein­er erfol­gre­ichen Schw­er­iner Werk­statt einige Dutzend solid­er Instru­mente fer­ti­gen kon­nte, von denen etliche bis heute erhal­ten sind.
Jaehns Textgestal­tung reicht in den biografis­chen Kapiteln bisweilen an die Weitschweifigkeit eines Theodor Fontane her­an, dies jedoch mit dur­chaus lit­er­arischem Gehalt. Man begleit­et die Frieses förm­lich in ihrem All­t­ag, wozu auch die Wieder­gabe des Arbeit­skalen­ders beiträgt. Belohnt wer­den geduldige Le­ser mit vielfälti­gen kul­turgeschichtlichen Aspek­ten auch jen­seits des Orgel­baus, etwa dem, dass Meck­len­burg auf­grund der Auswan­derungswellen beson­ders stark aus­blutete und die indus­trielle Entwick­lung sich dort nur langsam vollzog.
So aus­giebig und vorzüglich recher­chiert die teil­weise sehr umfan­gre­ichen Kat­a­lo­gein­träge sind, es wäre hil­fre­ich gewe­sen, zumin­d­est einige Stich­punk­te zur aktuellen Sit­u­a­tion (Grad des Erhaltungs­zustands, let­zte Restau­rierung etc.) zusam­men­z­u­fassen. Den­noch ver­di­ent die großzügige Ausstat­tung aller­höch­ste Anerken­nung, eben­so der Mut des Ver­lags, ein so umfan­gre­ich­es Werk zur Lan­deskunde in sein Pro­gramm aufzunehmen. Dieser Mam­mut-Pub­lika­tion ist zu wün­schen, dass sie eine eben­solche Wertschätzung erfährt wie die Orgeln der Frieses.

Markus Zim­mer­mann