Franz Liszt

Faust-Symphonie – Transcription for Organ

Hansjörg Albrecht an der Klais-Orgel der Philharmonie im Gasteig, München

Verlag/Label: Oehms Classics OC 1873 (2018)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/04 , Seite 60

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Han­sjörg Albrecht beze­ich­net sich selb­st gern als musikalis­chen Gren­zgänger und Quer­denker ohne Berührungsäng­ste. Ein Gren­zgänger ist er alle­mal, etwa als kün­st­lerisch­er Leit­er des Münch­en­er Bach-Chors und Bach-Orch­esters, aber eben­so als weltweit gefragter Diri­gent renom­miert­er Orch­ester. Und dazu genießt er noch einen exzel­len­ten Ruf als vir­tu­os­er Konz­er­tor­gan­ist mit aus­geprägt eigen­ständi­gem Pro­fil, mit dem er vor allem auf dem Gebi­et der Tran­skrip­tion immer wieder Beachtlich­es leis­tet.
Nun, man kön­nte zu Let­zterem ein­wen­den, dass es derzeit wohl (wieder ein­mal) eine aus­geprägte Mode ist, mitunter gar ein wahrer „Hype“, sich mit Tran­skrip­tio­nen für und auf der Orgel irgend­wie her­vorzu­tun – oder lei­der auch nur in mehr oder weniger pop­ulis­tis­ch­er Manier zu pro­duzieren. Zumin­d­est ver­mit­teln verkrampfte Ver­suche manch­er „Dutzend-Organ­istIn­nen“ einen der­ar­ti­gen Ein­druck, wobei schon bei der Auswahl der Bear­beitungsvor­lage hin­sichtlich des guten Geschmacks kaum mehr Berührungsäng­ste zu existieren scheinen.
Han­sjörg Albrecht geht hier gewiss kon­se­quent andere Wege. Nicht „bil­liger“ Pop­ulis­mus treibt ihn an, vielmehr will er die Orgel jen­seits des klerikal-ver­staubten (Schatten-)Daseins als ver­i­ta­bles Konz­ertin­stru­ment eben und ger­ade auch im Konz­ert­saal etablieren – und das vor allem mit ein­er Musik, die per se einen hohen konz­er­tan­ten Anspruch in sich trägt und die in der akustis­chen Trans­parenz großer Säle frei vom wohlfeilen „akustis­chen Nebel“ hal­liger Kirchen erst ihre wahre Bril­lanz ent­fal­tet.
Mit Liszts Faust-Sym­phonie stellt sich der Bear­beit­er und Inter­pret Albrecht nun selb­st einem extrem hohen Anspruch, beg­ibt er sich doch ger­adewegs in die Nach­folge des einst umjubel­ten und gefeierten Klavier-Genies, dem es laut zeit­genös­sis­chen Quellen müh­e­los gelang, selb­st ganze Orch­ester­par­ti­turen wortwörtlich, ohne auch nur eine Note auszu­lassen, spon­tan auf das Klavier zu über­tra­gen.
Kurzum, Han­sjörg Albrecht wird seinem eige­nen Anspruch mehr als gerecht. Die vor­liegende CD ist eine wahre Ent­deck­ungsreise in Liszt’­sche Gefilde. Knapp siebzig Minuten lang ver­mag Albrecht den Hör­er zu fes­seln, ihn teil­haben zu lassen an sein­er unbändi­gen Musizier­lust, an seinem Gespür für den Raum und die klan­glichen Ressourcen des (nicht ganz unprob­lema­tis­chen) In­­struments, aber auch – und das macht den beson­deren Wert vor­liegen­der Ein­spielung aus ­– ein­drin­gen zu lassen in die Tiefen der Par­ti­tur, qua­si zwis­chen die Noten. Da geht es dann ger­adewegs in die Abgründe men­schlichen Daseins hinab, aber eben­so auch hin­auf auf die Anhöhen des Hero­isch-Erhabenen.
Was hier in Tönen klingt, ist die gelun­gene Sprach­syn­these zweier charis­ma­tis­ch­er Kün­stler­per­sön­lichkeit­en: der des Kom­pon­is­ten und der es Inter­pre­ten respek­tive Bear­beit­ers, gle­ich­sam „two in one“. Ob Schu­mann auch Albrecht wie einst Liszt „diese Kraft, ein Pub­likum sich zu unter­w­er­fen“, attestieren würde? Und ganz neben­bei kann man sich mit der in Orch­esterkonz­erten eher sel­ten zu hören­den Faust-Sym­phonie ver­traut machen und dabei entde­cken, dass Liszts Orgel­stil ganz im Orches­tralen wurzelt.
Wo wie hier musikalis­che Qual­ität und inter­pre­ta­torisches Kön­nen stim­men, wird die Wahl der Orgel dann (fast!) schon zur Neben­sache. Doch in diesem Fall macht die vielgescholtene Orgel der Phil­har­monie am Gasteig ins­ge­samt bel­la figu­ra. Man muss mit diesen Instru­menten, die zeitbe­d­ingt ein dur­chaus eigenes, klan­glich vielle­icht eher sper­riges Pro­fil besitzen, als Inter­pret (und dann eben­so als Hör­er) unvor­ein­genom­men umge­hen kön­nen, ihre Stärken erken­nen und her­ausar­beit­en kön­nen, um sie dann in den Dienst der Musik selb­st zu stellen. Genau das ist Han­sjörg Albrecht mit dieser beim Münch­en­er Klassik­­label Oehms erschiene­nen Auf­nahme großar­tig gelun­gen.

Wolf­gang Valerius