Rainer Lischka (*1942)

Fantasia für Fagott und Orgel

Verlag/Label: Edition Walhall, EW667
erschienen in: organ - Journal für die Orgel , Seite 58

Langsam, frei“ spielt das Fagott anfangs eine fre­itonale Melodie, die mit einem synkopis­chen und präg­nant appog­gierten Ton­wieder­hol­ungsmo­tiv eröffnet wird. Im weit­eren Ver­lauf des Stücks entwick­eln sich daraus, wie der Kom­pon­ist im kurzen Vor­wort schreibt, „immer wieder abge­wan­delte neue Gestal­ten: bald lyrisch, bald impul­siv, ein­mal frei, dann wieder rhyth­misch betont“. Beglei­t­end, dial­o­gisch, aber auch solis­tisch fungiert der voll­ständig man­u­aliter gehal­tene Orgelpart.
Rain­er Lis­chkas Ton­sprache ist har­monisch fasslich und doch unge­bun­den, klan­gliche Zen­tren struk­turi­eren immer wieder. Häu­fig wer­den Akko­rde um Neben­tone­in­stel­lun­gen, aber auch jazz­ig anmu­tende Erweiterun­gen bere­ichert. Die kurze Episode „frei, prompte Imi­ta­tion“ lässt vitale musikalis­che Gedanken erklin­gen, die zwis­chen den bei­den Instru­menten über­wiegend vari­iert alternieren. Der anschließende „sehr leb­haft“ über­schriebene Abschnitt steigert das Tem­po weit­er. Durchge­hende Viertel­be­we­gun­gen herrschen in diesem tänz­erisch schwin­gen­den 2/2‑Takt vor. Mit vie­len Viertel­tri­olen rhyth­misch abwech­slungsre­ich gestal­tet, intoniert hier die haupt­säch­lich in Stac­ca­to auszuführende Fagottstimme über perkus­siv­en Akko­rd­wech­seln und Akko­rd­fig­u­ra­tio­nen sowie über an Walk­ing-Bässe erin­nernde Ele­mente. Nach ein­er kurzen Zäsur entwick­elt sich aus dem an der Orgel „langsam, verträumt“ und im dreifachen Pianis­si­mo gespiel­ten Anfangsmo­tiv ein zartes Klang­bild, in dem das Fagott seine lyrisch kantablen Möglichkeit­en zeigt. Nach einem Crescen­do zum Forte hin wird an der Orgel aus den bere­its vorher zu hören­den Akko­rd­wech­seln ein zweitak­tiges, „gio­coso“ zu spie­len­des Rhyth­mus­mod­ell nachge­bildet und mehrmals medi­antisch wieder­holt. „Straff im Metrum“ entspin­nt sich nach ein­er kurzen Pause im Fagott synkopis­che Motivik, aber auch vir­tu­ose Sechzehn­telket­ten, die von akko­rdis­chen Tupfern an der Orgel flankiert wer­den. Ein Saltarel­lo-Ein­schub leit­et über in einen Anklang des zuvor als „sehr leb­haft“ über­schriebe­nen Teils, der jedoch „als freche Imi­ta­tio­nen“ weit­erge­führt wird. Lange For­tis­si­mo-Triller des Fagotts und synkopierte Akko­rd­bal­lun­gen steigern die Span­nung, ehe unver­mit­telt, nach ein­er Gen­er­al­pause, als Rückbesin­nung an die bere­its vorher in der „langsam und verträumt“ gespiel­ten Episode eine lyrische Kan­ti­lene erklingt. Über­aus wirkungsvoll kommt der Fagot­tist im abschließen­den „Presto, bril­lante“ mit weiträu­mi­gen gebroch­enen Akko­r­den, schnellen absteigen­den Skalen und sequen­zieren­den Fig­uren zur Geltung.
Der Orgel­satz ist ins­ge­samt trans­parent angelegt, die Reg­istrierung sollte „möglichst far­big sein“. Das Werk ist für die Inter­pre­ten ohne größere Schwierigkeit­en aus­führbar und für die Hör­er dur­chaus leicht erfassbar.

Jür­gen Geiger