Klaus Beckmann

Dietrich Buxtehudes Orgelwerke

Überlieferung – Edition – Historisch legitimierte Aufführungspraxis

Verlag/Label: Schott Music, Mainz 2021, 344 Seiten, 34,99 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/01 , Seite 56

Klaus Beck­mann, geboren 1935, hat nicht nur bei zwei Ver­la­gen Gesam­taus­gaben der Orgel­w­erke von Diet­rich Bux­te­hude vorgelegt, son­dern auch zahlre­iche Beiträge zu sein­er Methodik ver­fasst, mit der er einen aus sein­er Sicht überzeu­gen­den Noten­text erar­beit­en kon­nte, obwohl die Prälu­di­en und Choral­bear­beitun­gen nur in zum Teil mehr oder weniger fehler­haften Abschriften auf uns gekom­men sind. Das war in den Vor­worten und Kri­tis­chen Bericht­en der Noten­bände nur in sehr verkürzter Weise möglich. Das vor­liegende Buch gab ihm nun Gele­gen­heit, alles zu verbinden, zu ord­nen und Updates zu liefern.
Am Anfang bietet Beckmann
eine Über­sicht über die Quel­len­lage der Tas­ten­musik Bux­te­hudes und über seine mut­maßlichen Notations­gewohnheiten sowie über die uns heute oft anders notierten erhal­te­nen Abschriften. Kom­men­tierte Auflis­tun­gen aller Neuaus­gaben, eine kurze Darstel­lung der Orna­mentsym­bole und deren ver­mutete Aus­führung, eine Über­sicht der Gesamtein­spielun­gen auf Ton­trägern, Biografis­ches und am Schluss ein Update der Nach­weise von Beck­manns Richtig­stel­lun­gen der Quel­len­texte bilden den Haupt­in­halt des Ban­des. Erstaunlicher­weise wer­den dabei Bux­te­hudes Orgel­choräle noch nicht ein­mal erwähnt.
Die Darstel­lung der „Inneren Tex­tkri­tik“ anhand mehrerer Beispiele ist das wichtig­ste Kapi­tel. In den sehr weitläu­fi­gen „Beiträ­gen zur his­torisch legit­imierten Auf­führung­sprax­is“ zitiert Beck­mann größ­ten­teils eigene Veröf­fentlichun­gen über direk­te oder indi­rek­te Hin­weise aus Bux­te­hudes Umkreis über Artiku­la­tion, Tem­pon­ahme usw., die als Anre­gun­gen für das Spiel von Bux­te­hudes Orgel­w­erken dienen kön­nen. Auch die Frage der Tem­perierung der Orgeln in Bux­te­hudes Umfeld, beson­ders der Instru­mente von Arp Schnit­ger, schnei­det Beck­mann an. Mein­er Mei­n­ung nach ist hier eine weitläu­figere Diskus­sion nötig. Eine aus­führliche Darstel­lung erfährt die Spiel­weise mit den Schw­er­punk­ten Gliederung und Mikroar­tiku­la­tion. Beck­manns Vorschläge zur beispiel­haften Lösung sind mit kurzen Noten­beispie­len ver­an­schaulicht. Seine Darstel­lung der Aus­führung durch unter­broch­ene Balken, Bögen und Punk­te erin­nert an ältere Inter­pre­ta­tion­saus­gaben, auch wenn natür­lich alles sehr genau begrün­det ist. Ob das Bux­te­hude und seine Zeitgenossen beim Spie­len nicht ein­fach extem­po­ri­ert haben? Erst Organis­ten im 18. Jahrhun­dert, die flächiger kom­poniert und gespielt haben, wie z. B. Johann Got­tfried Walther, haben sich dann in der Rückschau zu eini­gen aus­gewählten Spiel­tech­niken geäußert, die sie mal gel­ernt hatten.
Ich selb­st hätte mir eine aus ein­er lebenslan­gen Beschäf­ti­gung des Autors mit dem Gesamtwerk Bux­te­hudes her­aus gewach­sene sum­marische Darstel­lung zu der Frage gewün­scht, was eigentlich den Wert und den Reiz der Orgel­musik Bux­te­hudes aus­macht. Aber das war hier nicht das The­ma. Trotz dieser oder jen­er Ein­wände ist das Buch als Ganzes sehr anre­gend und macht Lust darauf, weit­er Bux­te­hude zu spielen.

Rüdi­ger Wilhelm