Kurt Estermann (Hg.)

Die Orgeln der Hofkirche in Innsbruck

Tiroler Orgelschatz, Bd. 5 Teil 1: Ebert-Orgel / Teil 2: Die italienische Orgel in der Silbernen Kapelle

Verlag/Label: Helbling, Esslingen 2019, 360 bzw. 184 Seiten, zahlreiche Farbabb., je 1 CD, 85 Euro
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/03 , Seite 54

"Nur selten bekommen Interessierte so detaillierte Informationen zu wichtigen Orgeln in dieser Qualität – und dazu noch in Wort, Bild und Ton." (Markus Zimmermann)

Der vorzüglich recher­chierten und eben­so aus­ges­tat­teten Rei­he „Tirol­er Orgelschatz“ wurde mit den über­fäl­li­gen Doku­men­ta­tio­nen zur welt­berühmten Ebert-Orgel von 1561 und der ital­ienis­chen Orgel in der „Sil­ber­nen Kapelle“ der Inns­bruck­er Hofkirche ein gewichtiger Dop­pel­band hinzuge­fügt. Die spät­go­tis­che ehe­ma­lige Klosterkirche ist mit ihrer reichen und erstk­las­si­gen Ausstat­tung alles andere als ein Zeug­nis franziskanis­ch­er Armut; „kun­st­ge­wor­dene PR-Abteilung“ der Hab­s­burg­er-Kaiser Max­i­m­il­ian I., Leopold I. und Fer­di­nand I. wäre zutr­e­f­fend­er. Dies legt jeden­falls der ein­lei­t­ende Beitrag von Franz Caramelle nahe.
Alfred und Matthias Reich­ling lassen in ihre mit Ken­nt­nis­sen zum Orgel­bau in Tirol prall gefüllte Schatztruhe blick­en: Indem sie die Genese aller in der Hofkirche nach­weis­baren Orgeln berück­sichti­gen, wird erst ver­ständlich, weshalb dort ein einzi­gar­tiges Renais­sance-Instru­ment – zumin­d­est in wesentlichen Teilen – über­dauern kon­nte. – In einem weit­eren Beitrag beleucht­en die Autoren das Schaf­fen des im ganzen süd­deutschen Sprachraum gefragten Orgel­bauers Jörg Ebert.
Rein­hard Böll­mann ist ein­mal mehr mit ein­er detail­lierten Beschrei­bung der Ebert-Orgel vertreten, inklu­sive zahlre­ich­er Fotos und Zeich­nun­gen. In Blau­druck ist überdies der Restau­rierungs­bericht von Jür­gen Ahrend einge­bet­tet. Dank der Betra­ch­tung aus der großen zeitlichen Dis­tanz zur nach wie vor gülti­gen Restau­rierung in den 1970er Jahren erfahren auch die Umbaut­en, ins­beson­dere die Verän­derun­gen durch Johann Cas­par Humpel zu Beginn des 18. Jahrhun­derts, eine angemessene Würdi­gung: Man hat­te um 1970 fast auss­chließlich auf die Wieder­her­stel­lung des mut­maßlichen Zus­tands von 1561 fokussiert, woge­gen man aus heutiger Sicht zumin­d­est einige der zwis­chen­zeitlich erfol­gten Verän­derun­gen in ein Restau­rierungskonzept ein­beziehen würde.
Bei geschlosse­nen Flügeln wirkt die Ebert-Orgel mit ihren grauen Flächen fast nüchtern, zumal sie vom Kirchen­schiff aus nur teil­weise in der Sei­t­e­nan­sicht erkennbar ist. Ihre ikono­graphis­che Pracht zum The­ma „vor­bildlich­es König­tum“ ent­fal­tet sie erst im offe­nen Zus­tand – zur genau­so königlichen Musik eben. Hem­ma Kun­dratitz wid­met sich den bildlichen Darstel­lun­gen und ihrer nun über hun­dertjähri­gen Restau­rierungs­geschichte. Dabei lüftet Kun­dratitz das Geheim­nis eines Kurio­sums: Die Flucht nach Ägypten erscheint hier nicht ganz logisch dargestellt, da die bei­den Flügel­türen des Rück­pos­i­tivs derzeit ver­tauscht mon­tiert sind.
Äußerst lesens- und beherzi­genswert sind die Aus­führun­gen von Brett Leighton und Johannes Strobl zur Tas­ten­musik um Paul Hofhaimer sowie von Franz Gratl zur Musikpflege an der Inns­bruck­er Hofkirche. Erstere gehen ver­stärkt auf Intavolierung­stech­niken, Ped­al­ge­brauch und die Alter­na­tim-Prax­is ein; Let­ztere reflek­tieren die Auf­führungssi­t­u­a­tio­nen im Raum damals und heute: Musizierte die
kaiser­liche Hofkapelle auf dem Brü­ckenchor und sandte die qua­si himm­lis­chen Klänge aus dem „Off“, so agieren die Musik­er heute meist im Pres­by­teri­um, wer­den jedoch von den Auf­baut­en des Kaiser-Grab­mals verdeckt.
Noch geheimnisvoller als die Ebert-Orgel ist das Instru­ment in der „Sil­ber­nen Kapelle“, die unmit­tel­bar an die Hofkirche angren­zt: Über seine Herkun­ft, sein Bau­jahr und seinen Schöpfer ist so gut wie nichts bekan­nt, es enthält nur noch in Teilen Orig­i­nal­sub­stanz und ist schw­er zugänglich. Es han­delt sich um eine ein­man­u­alige Orgel im ital­ienis­chen Stil, die aus dem 16. Jahrhun­dert stammt und deren Klang­w­erk über­wiegend aus Holzpfeifen beste­ht. Ihre Restau­rierung durch Hubert Neu­mann wurde bere­its 1952 abgeschlossen – freilich unter den damals gülti­gen Prämis­sen der Denkmalpflege: Man ging davon aus, dass viele Teile verbesserungswürdig seien, und erset­zte sie durch Neuan­fer­ti­gun­gen.
Die zuge­hörige Doku­men­ta­tion fol­gt dem Schema des ersten Teils zur Ebert-Orgel. Am aus­führlichen Befund wirk­ten neben Rein­hard Böll­mann Ger­ar­dus de Swerts und Pier Pao­lo Donati mit. Sie stellen ihre Erken­nt­nisse in einem sep­a­rat­en Text „Organo di leg­no – Über­legun­gen zu Typus und Prove­nienz des Inns­bruck­er Instru­ments“ anschließend behut­sam in einen größeren Zusam­men­hang. Auch dieser Band enthält einen Beitrag von Franz Gratl, der die (poten­zielle) Musikprax­is zwis­chen 1560 und 1620 an diesem Ort skizziert.
Bei­den Bän­den sind sich­er ver­pack­te CDs beigegeben. Sie enthal­ten teil­weise his­torische Auf­nah­men der bei­den Instru­mente mit Inter­pre­ten, die sich beson­ders inten­siv mit dem passenden Reper­toire beschäftigt haben: etwa Lui­gi Fer­di­nan­do Tagli­avi­ni, Har­ald Vogel oder Peter Wald­ner. Begrüßenswert ist fern­er die Idee, jew­eils auch Werke des 21. Jahrhun­derts zu inte­gri­eren – hier aus dem Plan­eten-Zyk­lus von Kurt Ester­mann [Plan­e­tar­i­um Oenipon­tanum, 9 Stücke für Orgel, 2016], die die Auswahl außer­dem erläutert. Die CD-ROM zum organo di leg­no enthält darüber hin­aus Men­su­rangaben und Pfeifen­lis­ten bei­der Instru­mente; der Ord­ner „Video“ ließ sich nicht öff­nen. – Lei­der muss ein­mal mehr ein buch­stäblich winziger Wer­mut­stropfen erwäh­nt wer­den: die zu klein gedruck­ten Bil­dun­ter­schriften und Anmerkun­gen. Im Übri­gen jedoch führt diese Doku­men­ta­tions-Serie zu Recht das Prädikat „Schatz“: Nur sel­ten bekom­men Inter­essierte so detail­lierte Infor­ma­tio­nen zu wichti­gen Orgeln in dieser Qual­ität – und dazu noch in Wort, Bild und Ton.
Markus Zim­mer­mann