Christian Bischof (Hg.)

Die Große Margaretenorgel München-Sendling

Verlag/Label: München 2020, 151 Seiten (Bezug: orgelteam@kirchenmusik-stmargaret.de)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/01 , Seite 56

Bei­de Titel sind weit mehr als Festschriften zu Orgel­wei­hen mit lokaler Bedeu­tung. In der stat­tlichen neubarock­en Mar­garetenkirche im Münch­en­er Süden wurde nach einem hal­ben Jahrhun­dert der Impro­vi­sa­tion im Kern jene Orgel wiederge­won­nen, die Albert Moser und Leopold Nen­ninger 1915 mit weg­weisenden Ansätzen begin­nen­der Orgel­re­for­men geschaf­fen hat­ten. Die nun­mehr durch Johannes Klais Orgel­bau und die in Eichenau bei München ansäs­sige Werk­statt Chris­toph und Matthias Kaps abgeschlossene Sanierung zieht gle­ich­sam die Quin­tes­senz aus der wech­selvollen Geschichte des großen In­struments: Trotz erhe­blich­er Kriegsver­luste und Umbaut­en zählen dazu rund 50 Prozent Klang­sub­stanz von 1915 sowie sämtliche brauch­baren und stim­mig inte­grier­baren Teile später­er Baustufen; das ganze Ensem­ble wurde „aufgeräumt“ und behut­sam um zum Teil längst vorge­se­hene Desider­a­ta erweit­ert. Das Ergeb­nis ist ein sym­phonis­ches, gut ver­schmelzen­des Klang­bild, das sich in der großzügi­gen, aber nicht ver­schwomme­nen Akustik prächtig entwickelt.
Die Pub­lika­tion (Bezug: orgelteam@kirchenmusik-stmargaret.de) ver­mit­telt sowohl tech­nis­che als auch orgel­baugeschichtliche Details, basiert auf inten­siv­en Recherchen und ist mit zahlre­ichen Original­dokumenten in Text und Bild verse­hen. Lei­der erle­ichtert die ambi­tion­ierte grafis­che Gestal­tung nicht immer die Ori­en­tierung und ver­mit­telt eine gewisse Unruhe – im Gegen­satz zum mon­u­men­tal­en, großflächig gegliederten 32’-Prospekt, neben dem der Domorgel der einzige in München.

In Umfang, inhaltlich­er Qual­ität und über­re­gionaler Bedeu­tung ver­gle­ich­bar ist die klar struk­turi­erte Doku­men­ta­tion zur Entste­hung der soge­nan­nten Bachorgel in der Regens­burg­er Dreieinigkeit­skirche. Hier bestand die Auf­gabe für Orgel­baumeis­ter Hen­drik Ahrend und seine Mitar­beit­er darin, in bzw. hin­ter das bre­it aus­ladende barocke Gehäuse eine dreiman­u­alige Orgel zu kom­ponieren, die vor allem den Anforderun­gen an ein umfassend informiertes, in die zweite Hälfte des 18. Jahrhun­derts und in süd­deutsche Sphären weisendes Bach-Spiel gerecht wird.
In seinem Haupt­beitrag legt Chris­toph Rein­hold Morath dar, wie und weshalb sich auch und ger­ade aus der süd­deutschen Orgel­tra­di­tion ein schlüs­siges Konzept für eine Bach-Orgel entwick­eln ließ. Er weist dabei auf verblüf­fende Par­al­le­len zu jenen Instru­menten hin, die Franz Jacob Späth für die Oswald­kirche (1750) bzw. für die Dreieinigkeit­skirche (1758) gebaut hat­te – etwa ein dynamisch vari­ables Echo. Ziel war eine Orgel, auf der man nicht nur „rück­wärts gewandte Musik“ spie­len kann, so der auf Pfeifen­bau und Into­na­tion äußerst bedachte Hen­drik Ahrend in seinem Text; vielmehr soll­ten Optio­nen aufge­tan wer­den, die Musik der Bach-Zeit etwa auch im Klangempfind­en von Rokoko oder Frühro­man­tik zu denken und zu interpretieren.

Bei­de Veröf­fentlichun­gen doku­men­tieren span­nende Gedankenexpe­rimente der Orgelpla­nung. Daher lohnen sich die inten­sive Lek­türe sowie vor allem die Reflex­ion im Verbindung mit den klan­glichen Ergeb­nis­sen an bei­den Instrumenten.

Markus Zim­mer­mann