Max Gulbins (1862–1932)

Die Elbinger Orgelwerke

Sonaten Nr. 1-4 | Zwei Stücke op. 17. Andreas Jetter an der Kuhn-Orgel der Hofkirche Luzern

Verlag/Label: 2 CDs, Motette MOT 14121 (2018)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/03 , Seite 62

Bew­er­tung: 5 von 5 Pfeifen

Es ist immer wieder ein beson­deres Erleb­nis, Orgel­musik zu ent­deck­en, die nicht unbe­d­ingt im alltäglichen Konz­ert­be­trieb zu find­en ist und oft ihrer Auf­führung har­rt. Genau das trifft auf die Wel­ter­stein­spielung der soge­nan­nten Elbinger Orgel­w­erke von Max Gul­bins zu. Damit präsen­tiert Andreas Jet­ter wahrlich eine Rar­ität. Beim Studi­um dieser in prächtigem For­mat gestal­teten Dop­pel-CD wurde ich an die kri­tisch zu hin­ter­fra­gende Sen­tenz von Her­mann Keller erin­nert (im Nach­wort sein­er Kun­st des Orgel­spiels), dass das ‚eigentliche‘ Orgel­reper­toire doch recht schmal bemessen sei. Tat­säch­lich stellt jedoch die Lit­er­atur für die Orgel einen fast unüber­schaubaren Kos­mos dar, und dazu gehört auch die bish­er viel zu wenig beachtete Musik von Max Gul­bins. Die run­dum gelun­gene Ein­spielung Andreas Jet­ters schickt uns auf eine span­nende Entde­ckungsreise in die expres­sive Klang­welt Gul­bins’.
Die in Gul­bins’ Amt­szeit als Organ­ist, Kan­tor und Chordiri­gent im west­preußis­chen Elbing zwis­chen 1900 und 1904 ent­stande­nen Orgel­w­erke ver­lan­gen mit ihrer opu­len­ten Klang­sprache nach ein­er respek­tablen sin­fonis­chen Mon­u­men­talorgel. Die Suche nach einem der­ar­ti­gen Instru­ment war für Jet­ter keine leichte Auf­gabe, denn die in Frage kom­menden Orgeln der Region mit den Wirkungsstät­ten von Gul­bins sind entwed­er den Kriegswirren oder späteren Brän­den zum Opfer gefall­en. Deshalb richtete er sein Augen­merk auf die imposante Kuhn-Orgel in der Hofkirche in Luzern mit ihren stat­tlichen fünf Man­ualen und über 150 Reg­is­tern.
Auch wenn keine direk­te Beziehung von dieser Orgel zu Gul­bins existiert, so war das eine sehr gute Wahl für die teil­weise ful­mi­nant, teil­weise recht polyphon, aber auch oft intim daherk­om­mende vielgestaltige Musik des Kom­pon­is­ten, bei der man in den poly­pho­nen Pas­sagen dur­chaus eine Nähe zu Reger ver­spürt. Dieser hat sich übri­gens aus­führlich und über­aus begeis­tert über sie geäußert.
Mit der über­bor­den­den Dis­po­si­tion der Kuhn-Orgel stellte es für Andreas Jet­ter kein Prob­lem dar, die im Noten­text von Gul­bins detail­liert notierten Reg­istri­er­an­weisun­gen opti­mal umzuset­zen. Jet­ters vehe­mentem Spiel spürt man keineswegs die hohen tech­nis­chen Anforderun­gen dieser Werke an; man fühlt, dass hier ein vir­tu­os­er Organ­ist mit viel Engage­ment am Werk war. Insofern trägt er die Musik Gul­bins’ mit Bril­lanz und Spürsinn für die delikat­en Pas­sagen vor, ver­nach­läs­sigt nie die gute Durch­hör­barkeit der zahlre­ichen klan­glichen Erup­tio­nen und set­zt oft starke dynamis­che Kon­traste.
Neben den vier Sonat­en, die bis auf die erste op. 4 alle bib­lis­che Bezüge aufweisen und diese qua­si pro­gram­ma­tisch verin­ner­lichen bzw. reflek­tieren, bere­ich­ern zwei inhaltlich und klan­glich kon­träre Märsche op. 17 („Brautzug“ und „Trauerzug“) die Ein­spielung. Ein sehr umfan­gre­ich­es Book­let (dt./engl.) informiert umfassend in Bild und Text über Max Gul­bins’ Vita, sein Schaf­fen, über die Orgeln in seinem Umfeld und bietet so eine äußert inter­es­sant zu lesende Doku­men­ta­tion zu dieser abso­lut empfehlenswerten Auf­nahme mit einem hohen kün­st­lerischen und archivalis­chen Wert.

Felix Friedrich