Johann Christian Heinrich Rinck (1770–1846)

Die drei ersten Monate auf der Orgel

eigens komponiert als eine leichte Einleitung dieses erhabene Instrument spielen zu lernen op. 121, Neuausgabe von Reinhard Kluth

Verlag/Label: Edition Dohr 27470
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/03 , Seite 54

Der 1770 geborene Johann Chris­tian Hein­rich Rinck erhielt früh ers­ten Orgelun­ter­richt bei seinem Vater und wurde im Alter von 16 Jahren Schüler Johann Chris­t­ian Kit­tels, war also Enkelschüler Johann Sebas­tian Bachs und berief sich zeitlebens auf die mit­teldeutsche Bach-Tra­di­tion. Sein Lehrer set­zte den Jun­gen bald als Vertretungsorga­nisten in der Predi­gerkirche in Erfurt ein; Rinck wurde be­reits im Alter von 19 Jahren zunächst als Stad­tor­gan­ist nach Gießen verpflichtet, später als Uni­ver­sitätsmusikdi­rek­tor, und fol­gte 1805 einem Ruf an die Stadtkirche Darm­stadt, wo er 1813 zum Hofor­gan­is­ten an der Schlosskirche und 1817 zum „wirk­lichen Kam­mer­musikus“ des Großher­zogs von Hes­sen-Darm­stadt ernan­nt wer­den sollte. Sein Tod 1846 been­dete eine weiträu­mige Wirk­samkeit vor allem als ange­se­hen­er Orgel­re­vi­sor und Orgelpäd­a­goge. Neben den umfan­gre­ichen Samm­lun­gen des 19. Jahrhun­derts, in denen Rinck meist mit kleineren Kom­po­si­tio­nen vertreten ist, war vor allem seine erst­mals zwis­chen 1819 und 1821 pub­lizierte Prack­tis­che Orgelschule op. 55 von gro­­ßer Wirkung, zumal sie auf Brei­te in der Aus­bil­dung zielt und da­rüber hin­aus als Quelle für viele orig­inäre Orgelkom­po­si­tio­nen des fleißi­gen Rinck dient.
Rincks 175. Todestag galt es im Jahr 2021 zu bege­hen – unmit­tel­bar nach der Feier seines 250. Geburt­stags im Vor­jahr, das allerd­ings sowohl durch die Feier­lichkeit­en für den Zeitgenossen Beethoven über­schat­tet wurde als auch durch die Pan­demie. Die Feier­lichkeit­en waren aber schon 2019 und 2020 auch Grund genug für den Ver­lag Chris­toph Dohr, der ohne­hin für eine ganze Rei­he von Neuaus­gaben der Werke Rincks ver­ant­wortlich zeich­net, erneut einiges bis­lang eher Unbekan­nte oder schw­er Zugängliche ans Licht zu heben.
Mehrere der von Rinck pub­lizierten Samm­lun­gen sind wie die Orgelschule explizite Lehrw­erke, so Die drei ersten Monate auf der Orgel op. 121, 1838 bei Sim­rock erschienen – eine Samm­lung, die im Ver­gle­ich zum ver­bre­it­eten Hauptwerk auch „Vorschule“ genan­nt wurde. Dem Vor­wort zufolge, das Rinck der Erstaus­gabe beigegeben hat, glaubte der Ver­fass­er „hier auch noch ein Scher­flein beizu­tra­gen, dass der Anfänger im Orgel­spiele von Stufe zu Stufe auf dem sich­er­sten und kürzesten Wege zum Ziele gelan­gen könne“: Hier wer­den Anfängern oh­ne nen­nenswerte pianis­tis­che Vorken­nt­nisse in steigen­dem Schwierigkeits­grad in ins­ge­samt sechs Teilen zunächst man­u­aliter zwei- und drei­stimmige Sätze, dann Ped­al­soli und schließlich ped­aliter zu spie­lende vier­stim­mige Sätze angeboten.
Der Schwierigkeits­grad zumal der ersten Übun­gen, die noch wenig Ken­nt­nisse im Klavier- geschweige denn im Ped­al­spiel voraus­set­zen, wird nur behut­sam erhöht – allerd­ings verzichtet Rinck auch nicht auf vielfältige, vor allem motorisch kluge tech­nis­che Übun­gen. Die Neu­ausgabe von Rein­hard Kluth hat Rincks kundi­ges Vor­wort behut­sam der gegen­wär­tig üblichen Rechtschrei­bung angepasst und vor allem die Aus­gabe in einen gut les­baren, großzügi­gen Noten­text ver­wan­delt. Dabei hat die Neuaus­gabe die Nota­tion der Erstaus­gabe, die im let­zten Drit­tel des Ban­des in der Regel zwei Sys­teme mit Hin­weisen auf eine poten­zielle Ped­al­stimme vor­sieht, belassen. Für Anfän­gerIn­nen auch ohne Klavierken­nt­nisse ist so eine schöne, leicht anschlussfähige Orgelschule mit his­torischem Hin­ter­grund jet­zt für wenig Geld leicht erre­ich­bar; der Unter­ti­tel „eigens kom­poniert als eine leichte Ein­leitung dieses erhabene Instru­ment spie­len zu ler­nen“ trifft es.
Die 12 Orgel­stücke ver­schieden­ster Art op. 12 sind ger­ade für Orgelschü­lerIn­nen eine inter­es­sante Ergänzung des Reper­toires, aber auch grund­sät­zlich für Gottes­di­enst und Konz­ert eine willkommene Bere­icherung: Die freien Kom­po­si­tio­nen mit Titeln wie Mit san­ften Stim­men oder Für volle Orgel haben einen eher gerin­gen Schwierigkeits­grad, aber große Wirkung und präsen­tieren in wun­der­bar­er Weise die stilis­tischen Spez­i­fi­ka, die Rincks Schaf­fen so prägen.
Die von Christoph Dohr selb­st vorgelegte Neuaus­gabe fol­gt dem Erst­druck des Werks insofern, als alle Kom­po­si­tio­nen – auch die aus­drück­lich ped­aliter zu gestal­tenden – „aus Grün­den der Urtext­treue“ auf zwei Sys­te­men wiedergegeben wer­den. Diese sparsamere Pub­lika­tion­sweise, die laut Vor­wort des He­rausgebers vor allem deswe­gen so ver­bre­it­et war, weil sie den Papierver­brauch um gut 50 Prozent eindäm­men kon­nte, wider­spricht aus­drück­lich dem Wun­sch des Kom­pon­is­ten, der eine Separierung der Ped­al­stimme vorgeschla­gen hat­te. Tat­säch­lich ist im Satz Rincks trotz der vie­len Hin­weise auf Ped­al- oder Man­u­al­ge­brauch auch nicht immer ganz klar, welche Stimme denn nun das Ped­al übernehmen soll; der He­rausgeber hil­ft hier mit eige­nen Vorschlä­gen. Darüber hi­naus ist im Gegen­satz zur Erstaus­gabe die Stimm­führung der Sätze klar­er erkennbar. Vor­bere­it­et hat diese Neuaus­gabe Rein­hard Kluth, der allerd­ings im Juli 2020 ver­stor­ben ist.
Ungewöhn­lich wirkt das hohe Maß an Dop­pelpedal in diesen Sätzen – den vornehm­lich oft eher schwach beset­zten Ped­al­w­erken der Instru­mente, an denen Rinck wirk­te, geschuldet. Auch hier ist ein behut­sames Ein­greifen der Inter­pretInnen sin­nvoll. Dies gilt eben­so für die von Christoph Dohr betreute Neuaus­gabe der 12 fugierten Nach­spiele op. 48 – eine gut spiel­bare Samm­lung von teil­weise sehr konz­er­tan­ten Prälu­di­en mit in der Regel vier­stim­mi­gen Fugen.
Anders als bei op. 12 hat sich Dohr hier für eine Wieder­gabe auf drei Sys­te­men mit ein­er separi­erten Ped­al­stimme entsch­ieden, was dem Her­aus­ge­ber so einiges an (Vor-) Entschei­dun­gen abnötigte und den Inter­pretInnen wiederum weniger Frei­heit­en lässt. Und auch wenn diese Druck­ver­sion die dem Kom­pon­is­ten zuträglichere sein mag: In der leicht über Online-Quellen ver­füg­baren Erstaus­gabe ist ersichtlich, dass eigentlich jedes der 12 Nach­spiele exakt zwei Seit­en lang ist … In der Neuaus­gabe kommt es so in vie­len Fällen zu unglück­lichen Wen­destellen. Ein Verse­hen dürfte allerd­ings sein, dass auch zu dieser Aus­gabe das­selbe Vor­wort von Rain­er Goede erscheint wie zu op. 12 – und deshalb die LeserIn­nen wenig über die Genese der Samm­lung von Fugen erfahren. Trotz­dem gilt für bei­de Samm­lun­gen eine unbe­d­ingte Empfehlung!

Birg­er Petersen