Die Bruckner-Orgel im Alten Dom zu Linz

Werke von Erwin Horn, Johann Baptist Schiedermayr, Rupert Gottfried Frieberger, Carl Borromäus Waldeck, Franz Neuhofer

Verlag/Label: Spektral SRL4-11094 (2011)
erschienen in: organ 2012/01 , Seite 57

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„Lebe wohl“ ste­ht mit Bleis­tift auf dem Spieltisch notiert. Wahrschein­lich stammt diese heim­liche Liebes­erklärung von Anton Bruck­n­er: Er dürfte sie ange­bracht haben, als er 1868 nach Wien wech­selte und sein Amt als Organ­ist im Alten Dom zu Linz auf­gab. Nicht nur die Inschrift hat sich erhal­ten, son­dern auch das Instru­ment selb­st hat die Zeit­en unverän­dert über­dauert. Ein Glücks­fall, denn so ermöglicht die Linz­er „Bruck­n­er-Orgel“ auch heute noch einen unver­fälscht­en Ein­druck von genau den­jeni­gen Klän­gen, welche die musikalis­chen Vorstel­lun­gen des späteren Sin­fonikers inspiri­erten.
Errichtet wor­den war das Werk in den Jahren 1764–66 von Franz Xaver Christ­mann für die Stifts­kirche von Engel­szell in Oberöster­re­ich. Nach der Aufhe­bung des Stifts unter Kaiser Joseph II. wurde die Orgel nach Linz trans­feriert. Bruck­n­er, der dort ab 1855 als Domor­gan­ist fungierte, ließ das Christmann’sche Werk durch den aus Pas­sau stam­menden Josef Brein­bauer umbauen, wobei allerd­ings die kurzen Bas­sok­taven im Man­u­al und die kurze Oktave im Ped­al erhal­ten blieben.
Auf diese bauliche Eigen­heit nimmt die Werkauswahl Rück­sicht, anhand der­er der heutige Tit­u­lar Bern­hard Pram­mer auf der vor­liegen­den CD-Neu­veröf­fentlichung dem Hör­er die dreimanua­lige „Bruck­n­er-Orgel“ in ihren charak­ter­is­tis­chen Klän­gen vorstellt. Fast auss­chließlich kom­men Ton­schöpfer zu Wort, die selb­st am Instru­ment tätig waren. Von Johann Bap­tist Schie­der­mayr, einem Amts­vorgänger Bruck­n­ers, erklin­gen drei der Prälu­di­en für die Heilige Wei­h­nacht­szeit, anhand der­er Pram­mer nicht nur den Reiz der Flöten und Stre­ich­er, son­dern auch die „Echo“-Register im „Mit­tel­man­u­al“ her­ausstellen kann.
Bruck­n­ers Schüler und Linz­er Nach­fol­ger Carl Bor­romäus Waldeck ist mit ein­er Orgelfan­tasie über Motive aus Beethovens Syn­fonien vertreten, in welch­er eigen­willig Eroica-Finale und Freuden­the­ma der Neun­ten kom­biniert sind, während seine weit­eren Kom­po­si­tio­nen, darunter eine Fan­tasie „nach dem Vor­bilde Bruck­n­ers“ sich zu starr am jew­eili­gen „Grun­de­in­fall“ fes­tk­lam­mern, um musikalisch wirk­lich zu fes­seln. Sog­ar Bruck­n­er selb­st kommt zum Zuge: mit seinem kleinen, har­monisch kühn schweifend­en C-Dur-Prae­ludi­um („Perg­er Präludi­um“) aus dem Jahre 1884, das sein Nach-Nach­fol­ger Franz Neuhofer 1922 anlässlich ein­er Bruck­n­er-Feier „in dessen Geist“ zur dre­it­eili­gen Form erweit­erte.
Mit diesen tra­di­tionellen Stü­cken verzah­nt Pram­mer Neuschöp­fun­gen, wenn er fünf der 2009 von Erwin Horn eigens für das Instru­ment geschaf­fe­nen Elf Engel­szellen inter­pretiert, die einen „spätro­man­tis­chen Raum“ beschwören. Direkt für die vor­liegende CD-Ein­spielung ent­stand weit­er Rupert Got­tfried Frieberg­ers In memo­ri­am A. B.: eine ron­doar­tig angelegte Kom­po­si­tion, die Zitate ein­schlägiger Motive, Rhyth­men und Har­moniefol­gen aus Bruck­n­ers Viert­er und Neunter enthält und dessen sin­fonis­che Sprache überzeu­gend auf den Ort ihrer Inspi­ra­tion, die Orgel, rück­überträgt.

Ger­hard Dietel