Die Bente-Orgel im Kloster Walkenried

Orgelmusik im Spiegel des klösterlichen Lebens. Matthias Neumann, Orgel

Verlag/Label: Rondeau, ROP6217 (2021)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/02 , Seite 60

"Matthias Neumann gelangt immer wieder zu originellen Registrierungen. In seinem unaufgeregt-edlen Spiel findet er eine wohltuende Balance zwischen Gelassenheit und Leidenschaft – ganz im Sinn monastischer Kontemplation mit ihrem langen Atem sowie dem Zusammenwirken von Ruhe und Tat." (Markus Zimmermann)

Bew­er­tung: 5 von 5 Pfeifen

Beein­druck­end zeu­gen die Reste der ehe­ma­li­gen Zis­terzienser-Abtei Walken­ried am Rand des Süd­harzes vom reichen geistlichen Leben dieses Ortes; die Anlage zählt seit 2010 zum UNESCO-Weltkul­turerbe. Die behut­sam restau­ri­erten Kon­vent­ge­bäude, das Muse­um und vor allem die evan­ge­lis­che Kirchenge­meinde prä­gen nun den Kom­plex; Let­ztere feiert seit 1570 im Kapi­tel­saal Gottes­di­en­ste, auch in Anlehnung an die klöster­lichen Tagzeit­en. Passend dazu ließ sich Matthias Neu­mann im Pro­gramm sein­er CD von Ele­menten des Offiz­iums leit­en, etwa mit Psalm­vari­a­tio­nen Antoni van Noordts, Bachs Mag­ni­fi­cat-Fuge oder Bux­te­hudes Choral­bear­beitung „Mit Fried und Freud“, ein­er Para­phrase des Can­ticums zur Kom­plet. Bei anderen Werken wie Mendelssohns Alle­gro d‑Moll, dem „Con­tra­punc­tus 14“ aus Bachs Kun­st der Fuge oder der 6. B‑A-C-H-Fuge von Schu­mann scheint der Bezug zum Stun­denge­bet nicht unmit­tel­bar gegeben; den­noch fügen sich auch diese Werke in die Dra­maturgie ein, ohne eine bes­timmte litur­gis­che Form allzu direkt nachzuze­ich­nen. Beson­ders schön ist dies am med­i­ta­tiv­en Agnus Dei von Frank Mar­tin zu erleben, einem Messen­satz für Chor, den der Kom­pon­ist selb­st für Orgel transkribierte.
Die 2017 architek­tonisch und tech­nisch geschickt ins Ostjoch der seitlichen Empore inte­gri­erte Orgel von Jörg Bente erfüllt den über­schaubaren Kapi­tel­saal mit fast gle­ichen Seit­en­län­gen und der zur Stumpfheit neigen­den Akustik ide­al: Der beachtliche und dif­feren­ziert intonierte Reg­is­ter­fun­dus spricht klar und kraftvoll durch die bei­den über Eck angelegten Prospek­te, jedoch ohne jede Auf­dringlichkeit. Der als Pro­fes­sor für Orgel an der Ham­burg­er Musikhochschule wirk­ende Matthias Neu­mann ver­ste­ht dieses Poten­zial mit Bedacht zu nutzen und gelangt immer wieder zu orig­inellen Reg­istrierun­gen (im zweis­prachi­gen Book­let aufgeschlüs­selt). In seinem unaufgeregt-edlen Spiel find­et er eine wohltuende Bal­ance zwis­chen Gelassen­heit und Lei­den­schaft – ganz im Sinn monas­tis­ch­er Kon­tem­pla­tion mit ihrem lan­gen Atem sowie dem Zusam­men­wirken von Ruhe und Tat.

Markus Zim­mer­mann