Andreas Weil

Der komponierende Organist um 1700

Studien zu Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 von Johann Sebastian Bach

Verlag/Label: Dohr, Köln 2020, 245 Seiten, 182 Notenbeisp., 34,80 Euro
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/03 , Seite 55

Die Diskus­sion um Orig­i­nal­ität und Autorschaft von Toc­ca­ta und Fuge BWV 565, der wohl berühmtesten Orgelkom­po­si­tion der Musikgeschichte, ist alt und hat­te bere­its im Jahr 1998 mit der umstrit­te­nen Pub­likation von Rolf Diet­rich Claus (Zur Echtheit von Toc­ca­ta und Fuge d‑Moll BWV 565) ihren vor­läu­fi­gen Höhep­unkt erre­icht, riss aber auch danach nicht ab. Im Mit­telpunkt ste­ht seit Jahrzehn­ten schon immer die Frage, inwiefern die Komposi­tion über­haupt eine gen­uine Orgelkom­po­si­tion sei oder nicht doch ur­sprünglich etwa für Vio­line konzip­iert; darüber hin­aus geht es um die Zuschrei­bung an Johann Sebas­t­ian Bach, die vielfach bezweifelt wurde.
Andreas Weil geht in sein­er Studie einen grund­sät­zlich anderen Weg als die meis­ten Skep­tik­er – und sein Ergeb­nis ist sehr überzeu­gend: Er ver­sucht, eine Analysemeth­ode auf der Basis der zeit­genös­sis­chen Musik­the­o­rie zu entwick­eln, um strit­tige Fra­gen zu Johann Sebas­tian Bachs Früh­w­erk qua­si neu­tral klären zu kön­nen. Die von Weil he­rangezogenen Lehrw­erke – ins­beson­dere von Andreas Wer­ck­meis­ter, Johann Got­tfried Walther und Johann Matthe­son – geben Auf­schluss über die Unter­richt­sprax­is für ange­hende Orga­nis­ten um 1700 und ver­mit­teln mehr als nur the­o­retis­che Grund­la­gen, etwa in den Bere­ichen Gen­er­al­bass, Kon­tra­punkt und Vari­a­tion: Es geht immer auch um kom­pos­i­torisches Rüstzeug, das sich unmit­tel­bar in den Kom­po­si­tio­nen der Zeit spiegelt.
Mit seinem Analy­seansatz kann Weil die bis­lang eher gebräuch­liche Meth­ode des „musikalis­chen Instink­ts“ in der Stilkri­tik aushe­beln und auf der Basis musik­the­o­retis­ch­er Fak­ten das Früh­w­erk Bachs – ins­beson­dere etwa die Samm­lung der Sätze aus der „Neumeis­ter-Samm­lung“ oder BWV 534 – ana­lytisch angemessen unter­suchen, let­ztlich aber auch die Unter­stel­lung, Toc­ca­ta und Fuge in d‑Moll stammten nicht von Bach und seien auch gar keine Orgelkom­po­si­tio­nen, deut­lich zurück­weisen.
Man mag den Autor dafür kri­tisieren, dass er für den Abschnitt sein­er Studie, der dem Bere­ich der Arbeit mit Satz­mod­ellen gewid­met ist, nicht die jüng­ste musiktheo­retische Forschungslit­er­atur heran­gezogen hat (und daher sein Gebrauch musik­the­o­retis­ch­er Fachter­mi­nolo­gie nicht über­all stich­haltig ist): ver­standen hat Andreas Weil es allzu­mal, auf der Basis von his­torischen Lehrw­erken ein­er­seits und dem Werkreper­toire ander­er­seits einen method­is­chen Ansatz aufzuzeigen, wie kün­ftig mith­il­fe ein­er his­torisch-kri­tis­chen Analyse Musik ein­ge­ord­net wer­den kann – als „com­mon prac­tice“ oder eben (wie in diesem Fall) weit darüber hin­aus­ge­hend.
Abge­se­hen von den überzeu­gen­den Ergeb­nis­sen ist das Buch mit vie­len Noten­beispie­len sin­nvoll illus­triert und über­haupt sehr gut gemacht – in Zeit­en der um sich greifend­en Sparsamkeit keine Kleinigkeit.

Birg­er Petersen