Bernhard Ruchti

… das Gewaltigste, was ich je auf der Orgel gehört habe“

Franz Liszts Ad Nos als Tor zur Wiederentdeckung einer verborgenen Aufführungs­praxis des 19. Jahrhunderts

Verlag/Label: Königs­hausen & Neumann, Würzburg 2021, 220 Seiten, 39,80 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel , Seite 54

Wer sich der Stadt Merse­burg von Leipzig kom­mend auf der B 181 nähert, sieht schon von weit­em die Türme des an der Saale gele­ge­nen prächti­gen Merse­burg­er Doms. Er wurde in sein­er heuti­gen Form 1517 eingewei­ht. 1665 wurde eine neue Orgel einge­baut; ver­mut­lich stammt der atem­ber­aubende Prospekt aus dieser Zeit. Am 26. Sep­tem­ber 1855 fand im Merse­burg­er Dom mit der Wei­he der Orgel von Friedrich Lade­gast ein epochales Ereig­nis statt. Das Instru­ment war nach den neuen physikalis­chen Richtlin­ien von Johann Got­t­lob Töpfer, dem Weimar­er Stad­tor­gan­is­ten, erbaut wor­den, der auch Lehrer von Alexan­der Win­ter­berg­er war und Franz Liszt gut kannte.
Das Buch des Pianis­ten, Orga­nis­ten, Kom­pon­is­ten und Musik­wis­senschaftlers Bern­hard Ruchti, „…das Gewaltig­ste, was ich je auf der Orgel gehört habe“ wid­met sich Franz Liszts „Ad nos, ad salutarem undam“ (Zu uns, zum Heil des Wassers). Der Choral der Wiedertäufer entstammt der Oper Le Prophète des von Liszt hochgeschätzten deutschen Kom­pon­is­ten Gia­co­mo Meyer­beer. Ruchti nimmt die Leser mit auf eine Reise zu den Geschehnis­sen um die Auf­führung des Werks. Er berichtet von den aufwendi­gen Vor­bere­itun­gen. Dazu reis­ten der Meis­ter und sein Schüler mehrfach mit der Eisen­bahn von Weimar nach Merse­burg. So kon­nte Liszt seine Vorstel­lun­gen unter Aus­nutzung aller Möglichkeit­en der 81 Reg­is­ter und vier Man­uale umset­zen. Die neue Orgel bot uner­hörte neue Klänge und Finessen. Nichts sollte dem Zufall über­lassen wer­den. Die Wucht des Stücks und die Vir­tu­osität Win­ter­berg­ers macht­en das Ereig­nis in ganz Europa bekannt.
Der Autor beschreibt den kome­ten­haften Auf­stieg Win­ter­berg­ers als Organ­ist, dem Liszt sein zweites, für Merse­burg kom­poniertes Orgel­w­erk, das Prae­ludi­um und Fuge über B‑A-C‑H wid­mete. Den Typ „Konz­er­tor­gan­ist“, wie wir ihn heute ken­nen, gab es in der Form so noch nicht – wie auch der Typ „Konz­er­torgel“ erst­mals in Merse­burg erschaf­fen wurde. Ruchti geht dabei aus­führlich sowohl auf die zeitliche Einord­nung als auch auf Inter­pre­ta­tions­fra­gen ein. Er nen­nt Inter­pre­ta­tio­nen ver­schieden­er Organis­ten. Die Auf­führung in Merse­burg soll 1855 bei über 40 Minuten gele­gen haben. Die Auf­führungs­dauer heute reicht von knapp 21 Minuten bis zu 44 Minuten.*
Ruchti zeich­net einen span­nen­den und sehr lesenswerten Auss­chnitt aus ein­er Zeit, die der Beginn der Entwick­lung ein­er „neuen“ Musik für die Orgel wurde, und gewährt einen umfassenden Blick auf das Zusam­men­spiel des Kom­pon­is­ten Franz Liszt und „seines“ Inter­pre­ten Alexan­der Win­ter­berg­er. – Nach der Lek­türe des hochin­ter­es­san­ten Buchs empfehle ich allen Fans der roman­tis­chen Orgel­musik einen Besuch des Merse­burg­er Doms mit sein­er großar­ti­gen Ladegast-Orgel.

Frank Lehmann

* Im Okto­ber 1981 wurde die Schuke-Orgel im großen Saal des „Neuen Gewand­haus­es zu Leipzig“ eingewei­ht. Der Gewand­hau­sor­gan­ist Matthias Eisen­berg brauchte für sein „Ad nos“ 25 Minuten und 36 Sekunden.