Martin Erhart (Hg.)

Das Buxheimer Tabulaturenbuch (um 1460/70)

25 zwei- und dreistimmige Stücke für (fast) alle Melodieinstrumente oder Tasten­instrumente in praktischer Spielpartitur

Verlag/Label: Walhall EW1110
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/03 , Seite 56

Der bei Mem­min­gen (Land­kreis Un­terallgäu) gele­gene idyl­lis­che Ort Bux­heim wird geprägt von der beein­druck­enden, gut erhal­te­nen, im Rokokos­til teil­weise über­formten Struk­tur des ehe­ma­li­gen Karthäuserk­losters Maria Saal mit seinen charak­ter­is­tis­chen monas­tis­chen Einzelzellen und zuge­höri­gen Gärten. Ein eigen­er Raum der mu­seal erschlosse­nen Kloster­an­lage ist dort der nach Säkularisationsverlus­ten teil­weise resti­tu­ierten Kloster­bib­lio­thek und ihrem bedeu­tend­sten Folianten, dem soge­nan­nten Bux­heimer Tab­u­la­turen- oder Orgel­buch gewid­met. Dieses wurde von den ver­schulde­ten Grafen von Bassen­heim an die Baye­rische Staats­bib­lio­thek München verkauft und ist dort unter der Sig­natur Mus. ms. 3725 archiviert.
Die Sam­mel­hand­schrift ent­stand um 1460/70 im Umkreis von Con­rad Pau­mann und enthält mit 250 Stück­en einen Quer­schnitt durch die gesamte Instru­mentalkun­st ihrer Zeit, u. a. nach vokalen Quel­len­vor­la­gen von Gilles Bin­chois, Johannes Cico­nia, John Dun­sta­ble, Guil­laume Dufay, Wal­ter Frye, Oswald von Wolken­stein und aus dem Lochamer Lieder­buch. Sie über­rascht als Musikquelle im stren­gen karthäu­sis­chen Umfeld, da der vom Hl. Bruno gegrün­dete Orden primär vom Schweigen und der Betra­ch­tung geprägt wird. – Von dieser musikgeschichtlich her­aus­ra­gen­den und musik­wis­senschaftlich gut erforscht­en Quelle existiert seit 1958 eine Fak­sim­i­leaus­gabe, während bis­lang eine prak­tis­che Spielaus­gabe fehlte.
Der Her­aus­ge­ber Mar­tin Erhart hat dies nun in beachtlich­er, didak­tisch beein­druck­ender Weise umge­set­zt, indem er die auf Pau­manns Grab­plat­te in der Münch­n­er Frauenkirche abge­bilde­ten Instru­mente als Vor­bild nimmt, um die Werke für ver­schiedene Beset­zun­gen und Ensem­bles aus­führbar anzu­bi­eten. Die 25 aus­gewählten Sätze sind zunächst in geistliche und weltliche Titel (deutsch, franzö­sisch, ital­ienisch) sowie Tanzsätze aufgeteilt. Je­dem Werk ist anerken­nenswert­er­weise ein erläutern­des Vor­wort beigegeben und die gre­go­ri­an­is­che oder motet­tis­che Vor­lage, zumin­d­est aber der Text. Hier sind dankenswert viele Hin­weise auf litur­gis­che Ver­wen­dung, Alter­natim­prax­is, For­men­lehre u. a. gegeben. Die hier lei­der ver­wen­dete „Oster­eier-Nota­­tion“ im Fün­flinien­sys­tem beein­trächtigt allerd­ings die Freude bei der Umset­zung der gregoria­nischen Vor­la­gen. Ein span­nen­des Noten­bild entste­ht durch die Nota­tion von Tenor und Con­tratenor in schwarzen und roten Noten.
Dies eröffnet reizvolle Beset­zungsmöglichkeit­en, sei es bei pro­fes­sioneller Con­sort­musik mit his­to­rischen Instru­menten oder an Mu­sikschulen. Ein­fach erk­lärte Spiel­hil­fen im Vor­wort streifen die Bere­iche Artiku­la­tion, Verzierun­gen oder Fin­ger­sätze, brin­gen aber inhaltlich die wichtig­sten Infor­ma­tio­nen als gut anwend­bares Konzen­trat. Der didak­tis­che hochmo­tivierte Ver­mit­tlungsansatz überzeugt mit sein­er wohlabge­wo­ge­nen Mis­chung zwis­chen hoher Sachken­nt­nis und musikalis­ch­er Erfahrung. Zwei kleine Fak­sim­i­le­seit­en und ein umfassender kri­tis­ch­er Bericht geben weit­ere Anreize zum Einar­beit­en in diese Stile­poche, auch wenn sich Ref­eren­zin­stru­mente dafür zumin­d­est unter den Orgeln nur vere­inzelt find­en lassen.

Josef Edwin Miltschitzky