Mikko Heiniö

Concerto for Organ and Orchestra

(2012–13; 95 Seiten)

Verlag/Label: Verlag Fennica Gehrmann (Helsinki)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/04 , Seite 59

Die finnis­che Orgel­welt ist klein. Umso bemerkenswert­er sind indes die Pro­tag­o­nis­ten der hier vor­liegen­den Werke. Der Orgelvir­tu­ose Oskar Merikan­to (1868–1924) gilt als Begrün­der der neueren finnis­chen Orgelschule. Seine Kom­po­si­tio­nen ver­halfen dem Instru­ment Orgel zu ein­er eigen­ständi­gen Posi­tion inner­halb der finnis­chen Mu­sikkultur. Sie bilden einen Meilen­stein inner­halb der finnis­chen Orgel­musik, die sich bis dato wenig orig­inell auf­stellte. Beige­fügt sind Hand­schriften des Autors, die eine Nähe zur ursprünglichen Schreib­weise schaf­fen. Die annäh­ernd hun­dert Seit­en Noten­text und Anmerkun­gen enthal­ten kirchen­musikalisch geprägte und freie Werke. Die große Konz­ert­fan­tasie am Anfang, dann Fan­tasie und Choral, Wed­ding Hymn, Pas­sacaglia, drei Postlu­di­en und ein Prayer wer­den durch einen umfan­gre­ichen kri­tis­chen Anhang ergänzt. Alle Spielarten des tra­di­tionellen Orgel­gen­res wer­den hier fan­tasievoll bedi­ent. Der bekan­nte finnis­che Organ­ist Jan Lehto­la hat diese Orgel­w­erke nun im Gesamten her­aus­gegeben und damit einen wichti­gen Beitrag zur Rezep­tion geleis­tet.

Der 1962 geborene Kom­pon­ist Jyr­ki Lin­ja­ma ist mit zwei Einze­laus­gaben vertreten. Seine Sonata da Chiesa II (2014) als Kirchen­sonate bedi­ent sich deutsch­er Titel. So ist das flim­mernde, im Osti­na­to kom­ponierte „Herzstück“ als erster Satz eine vir­tu­ose Klan­gorchestrierung. „Par­a­disi glo­ri­ae“ beruhigt mit leeren Quin­ten und einge­sprengten Klangfrag­menten. Rät­sel­hafte Klangzusam­men­stel­lun­gen und über­mäßige Ton­leit­ern bleiben indif­fer­ent. Der Schluss­choral wirkt mit seinen hinzuge­fügten Ped­alok­taven wehmütig und strahlend zugle­ich. Auch das kurze Veni redemp­tor gen­tium ist abschnit­tweise (mit „exis­tenziellen“ Ti­teln) unterteilt. „Schat­ten und Licht“ begin­nt wieder ganz als Auf­bau mys­tischer Klangflächen. „Osti­na­to“ kul­tiviert die Bewe­gung, und gegen Ende erscheinen „Trio“ und „Pas­sacaglia“. Die sehr mod­er­nen, freien Tonkom­bi­na­tio­nen wer­den mit tra­di­tionellen For­men, Satzweisen und Rhyth­men kun­stvoll ver­bun­den.

Der Onkel des Kom­pon­is­ten, der 1934 geborene Jouko Lin­ja­ma, hat sich als Her­aus­ge­ber betätigt und die Orgel­stimme von Joonas Kokko­nens Requiem arrang­iert. Die Orgel erset­zt das Orch­ester und ermöglicht so eine Auf­führung mit Solis­ten und Chor. Kokko­nen (1921–96) schrieb sein bekan­ntes Requiem bere­its in den 1970er Jahren und gelangte in der Musik zu einem eigen­ständi­gen, freien Stil, nach­dem er sich in Schaf­fenspe­ri­o­den zuvor mit Neok­las­sizis­mus und Zwölfton­tech­nik auseinan­derge­set­zt hat­te. Die Orgel­stimme, die hier mehr einem vir­tu­osen Klavier­auszug gle­icht, enthält Angaben zu den jew­eils ursprünglichen Orch­es­terin­stru­menten und lässt sich deshalb lesend gut nachvol­lziehen. „Requiem aeter­nam“ begin­nt als ruhige Ouvertüre. Frap­pierend sind die im Ver­lauf auftre­tenden, mehrstim­mi­gen Wech­sel­triller. Das „Kyrie elei­son“ ist als Alle­gro kom­poniert und bewegt sich stür­misch nach vorne. Der „Trac­tus“ begin­nt mit engen Inter­vallen und baut die Orgel­stimme dann doch zu einem voll­grif­fi­gen Orch­ester­satz aus, ähn­lich wie die näch­sten Sätze „Domine Jesu Christe“, „Hos­tias et pre­ces“, „Sanc­tus“ und „Agnus Dei“. Das kurze „In Par­adis­um“ hält den Chor in choralar­tigem Satz beisam­men. Das abschließende „Lux aeter­na“ beste­ht aus einem durch­broch­enen Satz. Ins­ge­samt hat man den Ein­druck, dass die Orgel­stimme als Orch­ester­ersatz die Musik über­stra­paziert, da sie ständig in extrem geset­zter Viel­stim­migkeit agiert. Durch diese Klavier­auszug-Tech­nik sind zwar alle im Orch­ester ver­wen­de­ten Noten vorhan­den. Dadurch wird die Orgel aber in einen über­mäßi­gen Aktion­is­mus ver­set­zt, der dem Instru­ment nicht dien­lich ist.

Der 1948 geborene Mikko Heiniö schrieb sein Con­cer­to for Organ and Orches­tra (2012/13) als freie Form. Den­noch ist ein Kirchen­raum von der Auf­stel­lung des Orch­esters her mitgedacht. Die Orgel ste­ht klas­sisch auf der West­em­pore. Vorne sind Holzbläs­er, Pauken und Stre­ich­er, während die Blech­bläs­er auf seitlichen Balko­nen platziert wer­den. So ist es als Auf­stel­lung ein­er „tra­di­tionellen Kirche“ in der Par­ti­tur notiert. Das Con­cer­to gliedert sich in zwei Sätze mit ein­er Gesamt­spiel­d­auer von ca. 25 Minuten: „I. Pre­lu­dio, can­tile­na e toc­ca­ta“ sowie „II. Saltarel­lo, corale e postlu­dio“. Die Orgel gestal­tet zumeist Klangflächen, die aus Bewe­gun­gen einzel­ner Motive beste­hen. Diese wer­den wieder­holt oder ver­schoben. Ein Flim­mern als Ganzes zieht sich über einzelne Blech­bläs­er, Holzbläs­er und Stre­ich­er. Die Har­monik ist über­wiegend biton­al. Dabei wer­den ver­schiedene Dur- und Moll-Akko­rde miteinan­der kom­biniert.

Sich­er hat die hier vor­liegende finnis­che Orgel­musik keinen kri­tis­chen Reflex­ion­sprozess durch­laufen, wie er nach dem Zweit­en Weltkrieg in Europas Mitte stat­tfand. Ähn­lich wie auch die nordis­che Chor­musik entste­hen diese Werke aus der Freude an der kom­pos­i­torischen Vari­ante, die qua­si nordisch kühl „einge­färbt“ wird. Erstaunlich ist die ver­langte hohe Vir­tu­osität, die ihren Ursprung sich­er im Schaf­fen von Oskar Merikan­to find­et, der als Pro­tag­o­nist finnis­ch­er Orgel­musik frühzeit­ig für deren Auf­blühen sorgte. Während die Orig­i­nal­w­erke durch und durch eine eigene, sehr orches­trale Note enthal­ten, zeigt sich ein­mal mehr, dass die Orgel als Or­ches­terersatz nicht im Klavier­auszug-Stil überzeugt. Ins­ge­samt bieten die vor­liegen­den Werke jedoch einen inter­es­san­ten Ein­blick ins finnis­che Orgelschaf­fen von der Spätro­man­tik bis heute.

Dominik Susteck