Benedetto Marcello

Complete Sonatas for Organ and Harpsichord

Chiara Minali an den Orgeln von S. Maria Assunta und S. Pietro Apostolo (Italien), Laura Farabollini am Cembalo

Verlag/Label: 3 CDs, Brilliant 95277 (2018)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/04 , Seite 62

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Der Musik­er und Staats­mann Benedet­to Mar­cel­lo (1686–1739) zählt auch heute noch zu den bekan­nteren musikalis­chen Meis­tern Ital­iens aus dem frühen 18. Jahrhun­dert. Ein­er Fam­i­lie der venezian­is­chen Nobil­itá entstam­mend, begann er früh, sich in Malerei, Dichtkun­st und Musik zu bilden. Nach einem Studi­um der Jurispru­denz trat er in den Dienst der Repub­lik Venedig und wurde 1711 in den ein­flussre­ichen „Rat der Vierzig“ berufen. 1730 resi­dierte Mar­cel­lo als Gou­verneur in Pola (Istrien), 1738 schick­te man ihn als „Camer­len­go“ (Schatzmeis­ter) nach Bres­cia, wo er schon im Jahr darauf ver­starb.
Trotz sein­er öffentlichen Ämter betätigte sich Mar­cel­lo exten­siv als Kom­pon­ist, wovon eine beträcht­liche Anzahl von Werken aller Gat­tun­gen zeugt. 1711 wurde er in die Accad­e­mia Fil­har­mon­i­ca in Bologna aufgenom­men, für die er in der Folge mehrere geistliche Werke ver­fasste. Berühmt wurde Mar­cel­lo zu Lebzeit­en auf­grund sein­er Samm­lung Estro poet­i­co-armon­i­co, ein­er Kom­pi­la­tion von Vokalw­erken über die fün­fzig ersten Psalmen in der ital­ienis­chen Über­set­zung von Giro­lamo Ascanio Gius­tini­ani. Sein gesamtes Œuvre für Tas­tenin­stru­mente liegt nun in ein­er drei CDs umfassenden Ein­spielung durch die Organ­istin Chiara Minali und die Cem­bal­istin Lau­ra Farabolli­ni vor.
Über­wiegend han­delt es sich hier­bei um ein- bis fün­f­sätzige Sonat­en, die in ihrer meist zweit­eili­gen Form den Gepflo­gen­heit­en der Zeit entsprechen; Domeni­co Scar­lat­ti scheint dem Venezian­er nicht unbekan­nt gewe­sen zu sein, jedoch erre­icht seine the­ma­tis­che For­mulierungskun­st dessen Qual­ität nicht ganz. Die bei­den Inter­pretinnen ha­ben sich die Sonat­en in etwa hälftig aufgeteilt, und so spielt Chiara Minali an der 1812 von Gio’Batta Sona erbaut­en Orgel in San Pietro in Cat­te­dra in Valeg­gio sul Min­cio (Prov­inz Verona), einem nachger­ade mon­u­men­tal­en Werk dieser Zeit mit 49 klin­gen­den Reg­is­tern. Die Orgel wurde 1998 bis 2000 von der Werk­statt For­mentel­li restau­ri­ert. Trotz der – nicht ent­täuscht­en – Vor­freude auf die ver­muteten beson­ders aparten und far­bigen Klänge dieses Instru­ments stellt sich nach kurz­er Zeit Unbe­ha­gen ein: Die Orgel klingt ein­fach stilis­tisch zu „spät“, mondän und raf­finiert für die Musik Mar­cel­los, der ein Instru­ment aus dem 18. Jahrhun­dert doch angemessen­er schiene. Dazu kommt, dass Chiara Minali zwar sym­pa­thisch musikan­tisch zu Werke geht, auf Dauer aber viel zu wenig artikuliert und der Musik hier­durch so einige „Zähne zieht“, manche Reg­istrierung zu bunt und stilis­tisch unpassend daherkommt.
Was nun den Cem­ba­lo-Part der Ein­spielung bet­rifft, kann man lei­der keineswegs von ein­er pro­fes­sionellen Arbeit sprechen! Dem Instru­ment wurde mit den Mikro­fo­nen in unan­genehm­ster Weise „auf den Leib“ gerückt, so dass neben deut­lichen Mechanikgeräuschen am Ende kaum mehr als schriller Klang zu hören ist; ver­heerend zudem, dass das Cem­ba­lo durch­wegs kom­plett ver­stimmt ist! Unter diesen Umstän­den kann man die Leis­tung der Cem­bal­istin Lau­ra Farabolli­ni kaum würdi­gen sowie die vor­liegende Ein­spielung ins­ge­samt nicht weit­erempfehlen.

Chris­t­ian Brem­beck