Maurice Duruflé

Complete Organ Works

Stephane Mottoul an der Thomas-Orgel von St. Laurentius in Diekirch (Luxemburg)

Verlag/Label: Aeolus AE 11161 (2018)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2018/04 , Seite 63

4 von 5 Pfeifen

Sind es zwanzig oder gar schon dreißig Gesam­tauf­nah­men der Orgel­w­erke von Mau­rice Duru­flé, die im Laufe der Jahre veröf­fentlicht wur­den? Jet­zt hat sich das für qual­itätvolle Orgel-CDs bekan­nte Label Aeo­lus dazu entschlossen, die­ser Vielzahl noch eine weit­ere Auf­nahme hinzuzufü­gen. Es ist schon richtig: Von Duru­flés vornehm ele­gan­tem, höch­sten Klangäs­thetizis­mus ein­fordern­den Spätim­pres­sion­is­mus kann man im Grunde nicht genug kriegen. Diese neun Stücke voller Anmut, Poe­sie und hin­reißen­dem Vir­tu­osen­tum evozieren eine gewisse suchtar­tige Abhängigkeit. Mit Stephane Mot­toul hat sich Aeo­lus dazu einen Musik­er aus­ge­sucht, der ger­ade bei Duru­flé keine Wün­sche offen lässt.
Der 28-jährige Bel­gi­er studierte bei Mernier, Pince­maille, Méa, Lohmann, Franke, Moßburg­er, Escaich, Fas­sang etc. – also hochkarätig­ste bel­gis­che, franzö­sis­che und deutsche Ein­flüsse, die bei diesem Inter­pre­ten schon in frühen Jahren zu ein­er bewun­derungswürdi­gen Blüte gelangten. Mot­touls Spiel ist makel­los, ele­gant, zur recht­en Zeit vir­tu­os, immer mit Kalkül, in vol­lkommen­er Beherrschung, wie stür­misch es auch in der Musik zuge­hen mag. Mit welch­er edlen Aus­ge­wogen­heit und inneren Ruhe er beispiel­sweise Prélude aus Opus 7 spielt, ist bewun­dern­swert, das hat wohl einzig Marie-Madeleine Duru­flé so gekon­nt. Der zweite Teil der Fuge aus Opus 7 wird unerk­lär­licher­weise auf 16’-Basis musiziert: Ist das etwa der Zusam­menset­zung der Mix­tur geschuldet, deren näch­sthöher­er hinzuk­om­mender Chor dann beim ersten Comes-Ein­satz sehr unmo­tivierte und verun­k­larende Akzente set­zt? Ein Prob­lem, das bei der Inter­pre­ta­tion dieses Stücks immer wieder begeg­net.
Nicht ganz unpro­blematisch ist es, dass sich die Voix humaine dieser anson­sten klan­glich und tech­nisch unge­mein überzeu­gen­den Or­gel von St. Lau­ren­tius in Diekirch, Lux­em­burg – 2016 von Man­u­fac­ture d’orgues Thomas aus dem bel­gis­chen Stavelot (mit zum Teil altem Pfeifen­ma­te­r­i­al des lothringis­chen Orgel­bauers Dal­stein & Haerpfer aus dem Jahre 1870) erbaut – auf dem Posi­tif expres­sif befind­et und nicht auf dem Réc­it expres­sif. Im weit­eren Ver­lauf kann die ein­er­seits auf Klarheit abzie­lende und doch atm­sphärischen Raumk­lang ein­fan­gende Ton­tech­nik die Ped­al­bässe der Orgel nur unzure­ichend ein­fan­gen. Es ist sowieso empfehlenswert, diese Auf­nahme via Mul­ti­chan­nel zu genießen, um Plas­tiz­ität und Durch­hör­barkeit deut­lich zu erhöhen.
Das Gle­iche wie für Opus 7 gilt für Opus 4, dessen Prélude ent­ge­gen den Reg­istrierungsangaben des Kom­pon­is­ten hier nur mit einem 8-Fuß alleine auf dem Schwell­w­erk begin­nt, aber in der Inter­pre­ta­tion großar­tige Wirkung ent­fal­tet. Beim Prélude aus der Suite op. 5 macht sich das Fehlen des realen labi­alen 32-Fuß lei­der abträglich bemerk­bar, ein 10 2/3-Fuß ver­mag diesen an der exponierten Stelle im Ein­gang­steil kaum erset­zen.
Das schöne Book­let (in E/F/D) mit fundierten Tex­ten von Frédéric Blanc und Christoph From­men würde noch mehr überzeu­gen, wenn die Werke in der Track-Rei­hen­folge der CD besprochen wor­den wären. Ins­ge­samt aber empfehlenswert!

Ste­fan Kagl