Franz Liszt

Bénédiction de Dieu dans la Solitude

Klavierwerke in Orgelfassungen

Verlag/Label: Ambiente Audio ACD-2041 (2020)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/01 , Seite 61

Christoph Kuhlmann an der Stein­mey­er-Orgel der Ss. Cor­pus Christi-Kirche Berlin

Bew­er­tung: 5 von 5 Pfeifen

Franz Liszt gilt fra­g­los als ein­er der größten Klaviervir­tu­osen des 19. Jahrhun­derts, berühmt in ganz Eu­ropa, gefeiert­er Gast in vie­len Konz­ert­sälen und Salons, obgle­ich seine Kar­riere als Starpi­anist gar nicht so lange währte: Er selb­st gab sie schon im Alter von 36 Jahren zugun­sten des Kom­ponierens auf. Sein Œuvre für das Klavier ist und bleibt ein Meilen­stein der Musikgeschichte. – Und die Orgel? Auch sie spielte für den Inter­pre­ten und Komponis­ten Liszt eine bedeu­tende Rolle, weshalb es nahe­liegt, seine Klavier­musik für die Orgel zu tran­skri­bieren – angesichts seines doch eher schmalen Orig­i­nal-Reper­toires für die Orgel.
Christoph Kuhlmann trifft für sein CD-Pro­gramm eine dra­matur­gisch klug angelegte Auswahl höchst unter­schiedlich­er, auf der Orgel durch und durch überzeu­gend wirk­ender Stücke: Val­lée d’Obermann und Spos­al­izio etwa. Oder vier der Con­so­la­tions und das wenig geläu­fige Angelus!-Gebet in ein­er Tran­skrip­tion von Fritz Vol­bach. Musik, deren Stim­mung zwis­chen schw­er­er Düster­n­is (hier vor allem Il Penseroso), sich machtvoll entwick­el­nder Ekstase (Val­lée d’Obermann ) bis hin zu entrück­ter Verk­lärtheit chang­iert – in jedem Augen­blick emo­tion­al fes­sel­nd und von ger­adezu soghafter Wirkung. Die Orgel lässt das Klavier (mit sein­er ja äußerst sen­si­bel gestalt­baren Dynamik) nir­gends ver­mis­sen, auch nicht in den pianis­tisch angelegten Har­monies du soir.
Gipfel ist die Béné­dic­tion de Dieu dans la soli­tude, mit fast 20 Minuten Spielzeit das umfan­gre­ich­ste Stück dieses CD-Pro­gramms – schon fast eine sin­fonis­che Dich­tung über die Gedanken und Gefüh­le eines suchen­den Indi­vidu­ums, das seine ger­adezu mys­tis­che Erfül­lung in der Natur und im Eins­sein mit deren Schöpfer find­et. Inspiri­ert durch das gle­ich­namige Gedicht von Alphonse de Lamar­tine, liefert Liszt eine Fülle von Klang­bildern, von grüb­lerischem Zweifel über friedlich-idyl­lis­che Natur­bilder bis hin zu sphärisch­er Him­melsmusik mit Flöten- und Har­fen­spiel reichend.
Christoph Kuhlmanns Aus­deu­tung erschließt die ganze Tiefe und Dichte dieser Lebenser­fahrun­gen, bald schwärmerisch, bald sehn­suchtsvoll. Neben der glanzvollen spiel­tech­nis­chen Leis­tung des Köl­ner Organ­is­ten und sein­er aus­geprägten Kun­st der „Instrumenta­tion“ ist es die 1925 erbaute Stein­mey­er-Orgel (66 Reg­is­ter, 4 Transmissionen/III+P) in der im Ber­liner Stadt­teil Pren­zlauer Berg gele­ge­nen Kirche Ss. Cor­pus Christi, die ein atem­ber­auben­des Klang­potenzial of­fenbart: raum­greifende Flöten, charak­ter­is­tis­che Stre­ich­er, eine über­aus reiche Palette an Zun­gen, ein kerniges, run­des Tut­ti – ganz natür­lich einge­fan­gen von der aus­geze­ich­neten Ton­tech­nik. Dass dieses grandiose Instru­ment ein neues Leben erfahren durfte, ist dessen per­fek­ter Wieder­her­stel­lung durch die Orgel­bauw­erk­statt Fleit­er aus Müns­ter zu ver­danken! Mit dieser Arbeit in Berlin bestätigt das Haus seine große Kom­pe­tenz im Umgang mit Orgeln der deutschen Roman­tik.

Christoph Schulte im Walde