Hans-Peter Braun

Bei-Spiele

Ausnotierte Orgelimprovisationen zu den Wochenliedern des Kirchenjahres für Unterricht und Gottesdienst, für Orgel / Tasteninstrument

Verlag/Label: Strube Verlag
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/01 , Seite 58
  • Heft 1: Advent – Weihnachten – Epiphanias. VS 3535/a
  • Heft 2: Sonntage nach Epiphanias – Passion. VS 3535/b
  • Heft 3: Ostern – Pfingsten. VS 3535/c
  • Heft 4: Trinitatis – 21. Sonntag n. Trinitatis. VS 3535/d
  • Heft 5: 22. Sonntag nach Trinitatis – Ewigkeitssonntag – Weitere Feste und Gedenktage (Auswahl). VS 3535/e

Hans-Peter Braun ist ein Prak­tik­er – keine Frage! In seinen fünf Heften zu den Wochen­liedern des Kirchen­jahres lässt er den Nutzer an einem reichen Schatz impro­visatorisch­er Ver­suche, Erfahrun­gen und Ergeb­nisse teil­haben. Ein Schatz, der unter anderem aus der immer wiederkehren­den Notwendigkeit ent­standen ist, der Gemeinde ein vielfältiges und abwech­slungsre­ich­es Hör­erleb­nis im Gottes­di­enst anzu­bi­eten, vielle­icht gele­gentlich sog­ar aus der dur­chaus kirchen­musikalis­chen Auf­gabe, auch aktiv­er Teil der Verkündi­gung der fro­hen Botschaft zu sein.
Braun schreibt über das Phänomen Impro­vi­sa­tion: „Der Weg vom Kopf in die Hände und Füße ist weit. Um impro­visieren zu kön­nen, muß zuvor viel gehört, gewusst und geübt wer­den. Beim Impro­visieren sucht der Spiel­er nach dem Prinzip ‚tri­al and error‘ fan­tasievolle Lösun­gen am Instru­ment. Er ‚tastet‘ sich vor­wärts. Dieser für Impro­vi­sa­tio­nen typ­is­che Entste­hung­sprozess ist noch deut­lich spür­bar. Das Ergeb­nis liegt gut in der Hand, es ist ‚grif­fig‘.“
Was bietet die Edi­tion? Braun geht anhand der Wochen­lieder ein­mal durch den gesamten Jahrkreis – vom Advent bis zum Ewigkeitsson­ntag. Nach­dem am 1. Advent 2018 mit dem Inkraft­treten der neuen Perikopenord­nung für jeden Sonn- und Fest­tag auch je zwei neue Wochen­lieder fest­gelegt wor­den sind, ist diese Herange­hensweise für den all­wöchentlichen prak­tis­chen Gebrauch im Gottes­di­enst eine löbliche Idee. Zu jedem Lied bietet Braun min­destens eine Bear­beitung an: von ein­er kurzen und ein­fachen Into­na­tion bis hin zu kom­plex­eren und län­geren Choralvor‑, Zwis­chen- und Nach­spie­len. Immer wieder präsen­tiert er wun­der­bare Beispiele für Choral­be­gleit­sätze in sehr unter­schiedlich­er Fak­tur und oft mit einem can­tus fir­mus, der nicht in der Ober­stimme liegt. Als Schwierigkeits­grad gibt Braun „leicht bis mit­telschw­er“ an.
Die nebe­namtlich verse­hene Kirchen­musik lei­det seit langem an ein­er gewis­sen Fan­tasielosigkeit, die aber – das sei wohlwol­lend ver­merkt – oft­mals auf Prak­tik­a­bil­ität grün­det. So bietet das 1993 von Man­fred Heinig, Her­mann Rau und Diet­rich Schu­berth her­aus­gegebene Orgel­buch zum Evan­ge­lis­chen Gesang­buch (Bären­re­it­er-Ver­lag) für jeden Choral eine Into­na­tion, einen dreis­tim­mi­gen und einen vier­stim­mi­gen Satz. Die Into­na­tio­nen arbeit­en mit ein­fach­sten For­men der Vorim­i­ta­tion im pseu­do-früh­baro­ck­en Stil, die Choral­sätze sind streng Note-gegen-Note geset­zt, die Har­monik ist stil­sich­er ein­fall­s­los. Ger­ade bei den neuern Liedern erscheint diese Herange­hensweise zu­mindest frag­würdig. Nur wenige Pub­lika­tio­nen bieten hierzu Alter­na­tiv­en, obwohl es andere stilis­tis­che und tech­nis­che Möglichkeit­en auf ein­fachem spielerischen Niveau gibt!
Für das „alte“ Evan­ge­lis­che Kirchenge­sang­buch (EKG) gab es drei Samm­lun­gen, die neue for­male und har­monis­che Wege gegan­gen sind: Kurze Orgelvor­spiele und Intonatio­nen zum Evan­ge­lis­chen Kirchenge­sang­buch und Choral­be­gleit­sätze in neuen For­men für die gebräuch­lichen Lieder des Evan­ge­lis­chen Kirchenge­sang­buch­es von Karl-Hein­rich Büch­sel und das Elber­felder Orgel­buch von Rudolf Sud­hoff-Groß (alle erschienen bei Mösel­er). Für das Evan­ge­lis­che Gesang­buch (EG) gab es solche Aus- und Auf­bruchsver­suche bish­er lei­der nicht.
Hans-Peter Braun ver­wen­det die ganze Palette an impro­visatorischen Tech­niken: Orgelpunkt, Kanon, Ton­leit­er, Osti­na­to, Melodiebausteine, Motive, freie Begleit­stim­men, har­moniefremde Töne usw. Er spielt mit Har­monien und Satzstruk­turen. Immer aber bleibt der can­tus fir­mus gut erkennbar und durchhörbar.
Mit „tri­al and error“ und „tas­tend“ beschreibt Braun das Impro­visieren. In seinem Vor­wort bemüht er Johann Sebas­t­ian Bachs Vor­wort zu dessen Orgel­büch­lein: „Anleitung, auff aller­hand Arth einen Choral durchzuführen“, und er nen­nt seine Samm­lung Bei-Spiele. Bei­des erfüllt er in vollem Umfang mit spiel­tech­nisch „grif­fi­gen“ Musik­stück­en, die – was nicht selb­stver­ständlich ist – dur­chaus hörenswert sind. Seine sti­listische Bre­ite fängt irgend­wo in der Notre-Dame-Schule an, ver­weilt aus­giebig in der Barockzeit und reicht bis zu Swing, Jazz und Bigbandsound.
Die Samm­lung wurde „für Unter­richt und Gottes­di­enst“ konzip­iert, wobei es eigentlich selb­stver­ständlich sein sollte, dass im Unter­richt Erlerntes auch im Gottes­di­enst Ver­wen­dung find­en kann. Ein Lehrer als Weg­weis­er durch diese Samm­lung ist (lei­der) für den Unter­richt unab­d­ing­bar. Die im Satz ver­wen­de­ten Tech­niken wer­den nicht immer sofort offen­bar, die Titel der Stücke sind zumeist zu lap­i­dar, um sofort eine tief­ere Ein­sicht in die Satzstruk­tur oder die Idee des Satzes gewin­nen zu kön­nen. Ein kleines Verze­ich­nis der ver­wen­de­ten Tech­niken hätte (bei immer­hin fünf Heften) helfen kön­nen, gle­ichar­tige Impro­vi­sa­tio­nen schneller zu find­en und diese qua­si im Rah­men ein­er Lernein­heit mit zu betra­cht­en und zu üben. Schade, denn jede der Choral­bear­beitun­gen ste­ht für ein Stück des Weges zur eigen­ständi­gen und spon­ta­nen Impro­vi­sa­tion, aber lei­der wird kein sinnhafter oder method­is­ch­er Zusam­men­hang hergestellt.
Die größte Schwach­stelle der Samm­lung ist die Anzahl der pro Wochen­lied ange­bote­nen Sätze. Für die unbekan­nteren oder (in mehrfachem Sinne) „neuen“ Lieder (z. B. Die Heili­gen, uns weit voran (EG.E. 27 [EG.E. = Ergänzung­sheft zum EG]) oder Damit aus Frem­den Fre­unde wer­den (EG.E. 31) gibt es zumeist nur ein oder zwei kleine Sätzchen. Bei bekan­nten Liedern, die im Laufe der Musikgeschichte immer wieder bear­beit­et wor­den sind (z. B. Wachet auf, ruft uns die Stimme, EG 147) gibt es bis zu neun Beispiele.
Ger­ade für die Lieder, die aus dem EG.E. neu unter die Wochen­lieder aufgenom­men wur­den, hätte man hier eine schmer­zliche Lücke füllen kön­nen. Viele dieser Lieder gehören zum neuen geistlichen Liedgut, das in sein­er Stilis­tik auch andere und mod­ernere For­men, Tech­niken und Har­monien ver­tra­gen kön­nte. Hier die eine Chance ver­tan wor­den, einem akuten Man­gel abzuhelfen.
Ins­ge­samt sind die Bei-Spiele von Hans-Peter Braun jedoch eine run­dum empfehlenswerte Edi­tion für den Bere­ich der can­tus fir­mus-gebun­de­nen Impro­vi­sa­tion. Das Spie­len und die Lust am Spie­len ste­hen in ihr im Mit­telpunkt. Das Zuhören macht Spaß, ver­spricht Lebendigkeit im Gottes­di­enst, die von der Orgel her ver­sprüht wird. Eine Samm­lung für Prak­tik­er und Neugierige, die min­destens das­selbe Recht hat, auf jed­er Orgel­bank zu liegen wie das Orgel­buch zum EG von Bärenreiter.

Ralf-Thomas Lind­ner