Werke von Heinrich Bach, Johann Bernhard Bach I, Johann Friedrich Bach I, Johann Lorenz Bach und Johann Ernst Bach II

Bach Organ Works

Stefano Molardi an der Dell’Orto e Lanzini Orgel von St. Thomas in Gesso di Zola Predosa (Italien)

Verlag/Label: 2 CDs, Brilliant 95884 (2019)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/02 , Seite 61

4 von 5 Pfeifen

Der Jour­nal­ist Paul Barz lässt in sein­er über­aus köstlichen Komödie Mögliche Begeg­nung Hän­del kla­gen: „… über­all Bachs – ich bin geflo­hen, in die Fremde, wo nicht jed­er Musik­er Bach heißt, in Höhen, wo­hin kein Bach fol­gen kann, und meine Musik mußte […] diesen Namen über­dröh­nen, nichts mehr sollte mich an ihn erin­nern.“ Hän­del also hätte diese Dop­pel-CD (mit etwa zweiein­halb Stun­den Spiel­d­auer) nur mit Wider­willen ange­hört. Nach Hän­dels Ansicht, dem sein Vater ver­boten hat­te, Musik­er zu wer­den, bekommt Beethovens Ausspruch „Nicht Bach, Meer sollte er heißen“ eine andere Bedeu­tung, über­fluteten die Bachs doch ganze Orgel­bänke in Thürin­gen und Sach­sen.
Ste­fano Molar­di ist 1970 in Cre­mona geboren. Seine Vita verkün­det eine ganze Rei­he weltweit bekan­nter Lehrer, seine umfan­gre­ichen Tätigkeit­en als Diri­gent und Organ­ist (u. a. Ein­spielung des gesamten Orgel­w­erks von J. S. Bach) und seine beein­druck­ende weltweite Konz­ert­tätigkeit. Für seine Auf­nahme stand ihm eine Orgel zur Ver­fü­gung, die 2003 von Car­lo Dell’Orto und Mas­si­mo Lanzi­ni als Kopie ein­er Got­tfried-Sil­ber­mann-Orgel von 1735–38 aus Frauenstein/Erzgebirge gebaut wurde, ges­timmt nach Wer­ck­meis­ter III mit 21 Regis­tern (davon nur drei im Ped­al) auf zwei Man­ualen. Die Orgel, die in der Chiesa di S. Toma­so nahe Bologna ste­ht, klingt trotz ihrer eher gerin­gen Größe fül­lig und hat auch wun­der­schöne Einzel­far­ben. Selb­st die Ped­al-Posaune 16’ ord­net sich ein, ist zurück­hal­tend und den­noch deut­lich, tutet keineswegs wie die Fan­fare eines his­torischen Saur­er-Reise­bus­di­nos auf Pass­fahrt.
Der­art aus­ges­tat­tet spielt Molar­di gle­ich­sam ein Bach-Fam­i­lien­tr­e­f­fen mit Fan­tasien, Fugen, Cha­con­nen, Choral-Par­titen und -bear­beitun­gen, wobei bei manchen Werken die Autorschaft fraglich ist (teils mit BWV-Anhang-Num­mern).
Molar­di bietet alles mit beein­druck­ender Präzi­sion und staunenswert­er Spiel­freude. Die Prae­lu­di­en und Fugen erin­nern zuweilen an Bux­­tehude, Bruhns oder an den jun­gen Johann Sebas­t­ian. Die Choral­w­erke, ob einzeln oder als Par­ti­ta, glänzen kom­pos­i­torisch wie die For­men des großen Bach. Manche der län­geren Bear­beitun­gen gemah­nen an die Leipziger Choräle, die kurzen an das Orgel­büch­lein; alles ver­lockt zum Sel­ber­spie­len. Die drei Bear­beitun­gen von „Wir glauben all an einen Gott“ erscheinen allerd­ings lang(-weilig), weil der lange Can­tus fir­mus in Gänze verkon­tra­punk­tiert wird. Auch bei den drei Cha­con­nen pflegt Molar­di eine selt­same Zäsurtech­nik. Nach jedem Osti­na­to-Durch­gang stockt das Metrum, weil er unmetrisch atmet. Daran mag man sich gewöh­nen oder auch nicht.
Wem dieses Fam­i­lien­tr­e­f­fen zuviel „Bach­Bach­Bach“ anbi­etet, der kann sich an den lebendi­gen Far­ben der Orgel erfreuen. Das aus­führliche Bei­heft ist (nur) in Englisch.

Klaus Uwe Lud­wig