Konrad Küster

Arp Schnitger

Orgelbauer – Klangarchitekt – Vordenker

Verlag/Label: Verlag Ludwig, Kiel 2019, 232 Seiten, zahlreiche Abb., 24,90 Euro
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/04 , Seite 52

Die für dama­lige Ver­hält­nisse fast repräsen­ta­tiv aus­ges­tat­tete Mono­grafie über Arp Schnit­ger (1648–1719) von Gus­tav Fock aus dem Jahr 1974 basiert größ­ten­teils auf den ver­di­en­stvollen Forschun­gen des Autors bere­its in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts. Deshalb war es nun höch­ste Zeit dafür, dass der aktuelle Ken­nt­nis­stand zu diesem Schule bilden­den und bis heute Maßstäbe set­zen­den Orgel­bauer dar­gestellt wird, dies umso mehr, da die erhal­tene Sub­stanz vielerorts zwis­chen­zeitlich verän­dert wurde.
Kon­rad Küster fol­gt in seinem neuen, etwas han­dlicheren Buch dem bewährten britis­chen Schema „chron­i­cle and work“, indem er das Schaf­fen des wohl bedeu­tend­sten nord­deutschen Orgel-Unternehmers Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhun­derts im Kon­text der jew­eili­gen indi­vidu­ellen Umstände kom­men­tiert. Dabei zieht er nicht nur jene Fak­ten und Doku­mente her­an, die unmit­tel­bar mit den einzel­nen Pro­jek­ten zusam­men­hän­gen; sehr hil­fre­ich ist auch immer wieder der Blick auf die geopoli­tis­chen Umstände, Herrschafts­ge­bi­ete und Gren­zver­läufe.
Rasch wird bei der Lek­türe deut­lich, dass es die Schnit­ger-Orgel, wie sie sich viele noch immer als Ide­al eines (großen) Barock­in­stru­ments, ja der Orgel schlechthin, vorstellen, nie gegeben hat. Bei den wohl über 150 „Baustellen“, von denen die meis­ten im Gebi­et um Gronin­gen (Nieder­lande) und zwis­chen Elbe und Weser liegen, müsste genau ermit­telt wer­den, welchen Anteil Arp Schnit­ger selb­st tat­säch­lich daran hat­te: mitar­bei­t­end während sein­er Lehrzeit bei Berendt Hueß, später Konzep­tion bei Aus­führung durch eigene Mitar­beit­er oder Sub­un­ternehmer. Oft baute Schnit­ger beste­hende Instru­mente um oder erweit­erte sie. Überdies dif­feren­zierte der Meis­ter seine Entwürfe stärk­er als ver­gle­ich­bare Kol­le­gen nach den Wün­schen und Anforderun­gen der Auf­tragge­ber: Eine Stad­torgel wie etwa in der Cos­mae-Kirche in Stade oder der Haup­tkirche St. Jaco­bi in Ham­burg fol­gt ganz anderen Kon­struk­tion­sprinzip­i­en und Klangvorstel­lun­gen als etwa die Kom­pak­tver­sion in Dedes­dorf, die zugle­ich die Folie für die Export­vari­ante bildete. Bei allen seinen Orgel­typen achtete Schnit­ger jedoch darauf, möglichst unter­schiedlich wahrnehm­bare Klangkör­p­er zu schaf­fen; das später durch die Orgel­be­we­gung pos­tulierte „Werkprinzip“ scheint ihn vor allem nach 1700 wenig inter­essiert zu haben.
Küster geht anhand der vorhan­de­nen Bausub­stanz und Schriftstü­cke den Entwick­lun­gen in der weit verzweigten und oft par­al­lel arbei­t­en­den Werk­statt nach. Ein­be­zo­gen wer­den in die Darstel­lung zum Glück auch die unterge­gan­genen Werke, soweit dies freilich – etwa anhand his­torisch­er Fotos – möglich ist. Dabei wäre es manch­mal hil­fre­ich gewe­sen, die eine oder andere Dis­po­si­tion zu zitieren. Diejeni­gen Kapi­tel, die sich über­wiegend mit tech­nis­chen Fra­gen befassen, sind durch Grauraster als Exkurse gekennze­ich­net. Einige Fotos sind etwas zu klein aus­ge­fall­en, um Details zu erken­nen.
Beson­ders lesenswert sind Küs­ters Aus­führun­gen zur Musikprax­is: So wird ein­mal mehr ins Bewusst­sein gerückt, dass die Orgel im über­wiegend protes­tantis­chen Nord­deutsch­land noch sehr lange in die römisch-lateinis­che Liturgie einge­bun­den war und erst ab dem 17. Jahrhun­dert allmäh­lich zur Begleitung des Gemein­dege­sangs ver­wen­det wurde. Aus der reformierten Tra­di­tion erfahren wir, dass die mitunter aus­gedehn­ten Vari­a­tion­swerke über „Psalmen“ (= Lied­melo­di­en, nicht nur Psalmtöne) auch eine didak­tis­che Funk­tion hat­ten: Die Weisen soll­ten der a cap­pel­la sin­gen­den Gemeinde damit nahe gebracht wer­den. Unter­schätzt wird nach wie vor der Anteil der „großen“ Orgel an der Ensem­ble­musik, wofür Küster hand­feste Belege wie etwa die Noten­pulte an der Emporen­brüs­tung in der Alten Kirche auf Pell­worm anführt. Git­ter­w­erk sollte die aktiv­en Musik­er ver­ber­gen und das Erleb­nis unsicht­bar­er, himm­lischer Musik ver­stärken. Schließlich weist Küster darauf hin, dass nur ein Bruchteil der Orgel­musik schriftlich fix­iert wurde; nicht mehr greif­bar ist all das, was auf den Orgeln über Jahrhun­derte extem­po­ri­ert wurde, an denen Schnit­ger und seine Mitar­beit­er Hand angelegt hat­ten.
So bleibt nur die Hoff­nung, dass die rund dreißig weit­ge­hend in dama­liger Gestalt erhal­te­nen Instru­mente dieser Werk­statt uns weit­er­hin zu fan­tasievollem musikalis­chen Schaf­fen inspiri­eren. Dazu müssen sie jedoch erhal­ten und gepflegt wer­den. Küster schließt seine facetten­re­iche Zusam­men­schau der Fak­ten denn auch mit dem Appell, die Orgelkun­st im Küstenge­bi­et nicht isoliert zu betra­cht­en, son­dern als Teil der gesamten Kul­tur in den Marschge­bi­eten. „Wer nicht deichen will, muss weichen“, so die Lebensweisheit in vie­len immer wieder von schw­eren Flutkatas­tro­phen betrof­fe­nen Orten. Dies gilt erst recht in Zeit­en des Kli­mawan­dels und steigen­der Meer­esspiegel.

Markus Zim­mer­mann