Jürg Baur

Archaische Variationen

über den Choral „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (1997), 2 Fassungen für Orgel

Verlag/Label: Edition Dohr 98527
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/02 , Seite 57
Es ist ein beson­deres Ver­di­enst des Ver­lags Dohr, weit­ere Werke des im Jahr 2010 ver­stor­be­nen Kom­pon­is­ten Jürg Baur zu veröf­fentlichen. Die Archais­chen Vari­a­tio­nen (1997) über den Choral „Ver­leih uns Frieden gnädiglich“ liegen in zwei Fas­sun­gen vor, die bei­de in der Note­naus­gabe enthal­ten sind. Sie unter­schei­den sich vor allem durch die mehr oder weniger aus­geprägte Ein­leitung sowie den Schluss der Kom­po­si­tion.
Der 1918 geborene Kom­pon­ist charak­ter­isierte sein Stück wie fol­gt: „Die Archais­chen Vari­a­tio­nen ent­standen im Auf­trag des Inter­na­tionalen Friedens­musikpro­jek­ts aus Anlass der 350-jähri­gen Wiederkehr des West­fälis­chen Friedens (1648). Die mit­te­lal­ter­liche Choralmelodie ‚Ver­leih uns Frieden gnädiglich‘ bes­timmt Ver­lauf, Inhalt und Struk­tur der Orgelfan­tasie. Es wech­seln sich ‚Inven­tiones‘ mit streng kanon­is­ch­er Ver­ar­beitung des can­tus fir­mus und frei rhap­sodisch gestal­tete Übergänge ab.“ Die Musik ist kla­gend und insis­tierend. Sie beste­ht aus klas­sis­chen und freien Durch­führun­gen des Chorals mit rezita­tivischen Ein­schüben. Ihr Stil ist die gemäßigte Mod­erne, die oft in Werken evan­ge­lis­ch­er Kirchen­musik anzutr­e­f­fen ist. Er beste­ht aus tonalen Zen­tren, die mit „falschen Tönen“ angere­ichert wer­den.
Von Ton­sprache und Hin­ter­grund ähn­lich wirkt die Suite für Orgel in fünf Sätzen von Lothar Graap (geboren 1933), einem der großen Ton­schöpfer evan­ge­lis­ch­er Gebrauchsmusik. Anders als beim Werk Baurs ste­ht der Beginn der Suite in jubilieren­dem Dur. Eine kraftvolle Ein­leitung im For­tis­si­mo eröffnet das Stück. Zwis­chen­zeitlich treten fugierende Abschnitte auf. Auch der zweite, ruhige Satz spielt mit Fuga­to-Ele­menten und deren Umkehrun­gen. Im drit­ten Satz lässt sich klar der Anfang der Musik wieder­erken­nen, bis später noch größere, fugatis­che Abschnitte fol­gen.
Die Suite ist dem US-amerikanis­chen Organ­is­ten Car­son Cooman zugeeignet. Ihre Urauf­führung fand am 5. Sep­tem­ber 2018 statt. Obwohl sie kein choral­ge­bun­denes Werk ist, bemüht sie den kirchen­musikalis­chen Stil der barock­en Form, die hier in gemäßigte Mod­erne über­set­zt wor­den ist.
Katholis­ch­er­seits präsen­tiert Dohr die Can­tiones pro Organo von Wal­ter Gleißn­er (geboren 1931). Der frühere Kan­tor der Aschaf­fen­burg­er Stift­skirche ver­ar­beit­et Kind­heit­serin­nerun­gen der Marien­glo­ri­fizierung in Böh­mis­chen Wallfahrts­orten. Dem dre­it­eili­gen Stück liegen die Melo­di­en „Maria zu lieben“, „Glo­r­würdge Köni­gin“ und „Ein schöne Ros’“ zugrunde; sie bilden drei Choral­para­phrasen. Die Stilis­tik entspringt ganz aus der Impro­vi­sa­tion im katholis­chen Gebrauch­skon­text.
„Maria zu lieben“ ist vier­stim­mig aufge­baut und bein­hal­tet Echo-Pas­sagen und Solo­man­u­al. Deut­lich erkennbar ist die im Hauptwerk präsen­tierte Choralmelodie, welche mit Zwis­chen­spie­len aus dem The­ma umrankt wird. „Glo­r­würdge Köni­gin“ begin­nt mit vir­tu­osem Ped­al­so­lo. Über Laufw­erk wird die Choralmelodie später als Bass-Can­tus-fir­mus durchge­führt. Etwas länger und im Tri­olen-Duk­tus kommt „Ein schöne Ros’“ daher.
Ins­ge­samt schla­gen sich in den drei Dohr-Veröf­fentlichun­gen die jew­eilige Herkun­ft und der Jahrgang der Kom­pon­is­ten nieder, die zwis­chen 1918 und 1933 geboren sind. Während Baur und Graap eine gemäßigt mod­erne Ton­sprache bedi­enen, bleiben Gleißn­ers Can­tiones ganz dem barock­en Stil verpflichtet.
Dominik Susteck