Olivier Latry

An der Orgel von Notre-Dame

Gespräche mit Stéphane Friédérich. Aus dem Französischen von Hendrik Burkard

Verlag/Label: Dr. J. Butz, Bonn 2022, 175 Seiten, 15 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/04 , Seite 56

"Wovon hier zu lesen ist – es lohnt in gleich mehrerlei Hinsicht. Denn wenn einer der ganz großen Organisten unserer Zeit erzählt, dann gerät die Themenpalette denkbar groß. Und darüber hinaus sind es ganz persönliche Aussagen, die die Lektüre des vorliegenden Bandes (2021 im französischen Original erschienen) so sympathisch machen." (Gunther Diehl)

Wovon hier zu lesen ist – es lohnt in gle­ich mehrerlei Hin­sicht. Denn wenn ein­er der ganz großen Organ­is­ten unser­er Zeit erzählt, dann gerät die The­men­palette denkbar groß. Und darüber hin­aus sind es ganz per­sön­liche Aus­sagen, die die Lek­türe des vor­liegen­den Ban­des (2021 im franzö­sis­chen Orig­i­nal erschienen) so sym­pa­thisch machen. – Seit mehr als drei Jahrzehn­ten wirkt Olivi­er Latry als ein­er der Tit­u­laror­gan­is­ten an der Kathe­drale Notre-Dame in Paris, als Pro­fes­sor am Paris­er Kon­ser­va­to­ri­um und weltweit als Konz­er­tor­gan­ist sowie bei inter­na­tionalen Meis­terkursen. Sein immenser Erfahrungss­chatz bildet die Grund­lage der hier doku­men­tierten Gespräche mit dem Musikjour­nal­is­ten Stéphane Friédérich, dessen Frageim­pulse das weite inhaltliche Spek­trum behut­sam strukturieren.
Im Zusam­men­hang von Nach­fra­gen zu sein­er musikalis­chen Aus­bil­dung und dem Werde­gang als Organ­ist erzählt Latry zunächst und ein­drück­lich u. a. von der prä­gen­den Zeit bei seinem Lehrer Gas­ton Litaize und davon, welch enorme emo­tionale Erschüt­terung es für ihn bedeutete, bere­its 1985 als kaum 23-Jähriger auf eine der Organ­is­ten-Stellen an Notre-Dame berufen zu wer­den. Nahe­liegen­der­weise weiß er sodann viele Details zu bericht­en von „seinem“ Instru­ment, der großen Haup­torgel in Notre-Dame, von deren jahrhun­dertewähren­den Organ­is­ten-Tra­di­tion und unzäh­li­gen Restau­rierungs- und Mod­ernisierungs­maß­nah­men speziell seit den 1990er Jahren. (Ein­gangs und noch vor den eigentlichen Gesprächen for­muliert Latry seine tiefge­hende Betrof­fen­heit angesichts der ver­heeren­den Brand­katas­tro­phe 2019; die Große Orgel hat­te das Feuer zwar über­standen, ist nun aber aus­ge­baut und wird in jahre­langer Arbeit gere­inigt.) Die Rede ist zudem und u. a. von Begeg­nun­gen mit und Ein­flüssen durch andere(n) Organ­is­ten, von eige­nen Erfahrun­gen in Orgel­wet­tbe­wer­ben und als Orgelpäd­a­goge. The­ma­tisiert wer­den schließlich auch Aspek­te konkreter Spiel­prax­is und Impro­vi­sa­tion im Gottes­di­enst genau­so wie etwa per­spek­tivis­che Fra­gen zur Zukun­ft und ein­er Pop­u­lar­isierung der Orgel (-musik).
Dies alles, das bringt die Sache mit sich, bezieht sich in seinen Erken­nt­nis­sen speziell auf die franzö­sis­che Orgel­welt; gle­ich­wohl eröff­nen sich immer wieder auch über­trag­bare Ein­sicht­en. Ins­beson­dere beein­druck­end aber ist, wie Olivi­er Latry von seinem Selb­stver­ständ­nis als litur­gis­chem Organ­is­ten und sein­er insofern „dienen­den Rolle“ spricht. Den Platz auf der Orgelem­pore erlebe er als „Begün­stigter“, seine musikalis­che Beru­fung sehe er als „Mis­sion zwis­chen den Wel­ten des Alltäglichen und Spir­ituellen“. Gle­ich­wohl heißt es ein­mal, auf eine – imag­inäre – Vis­itenkarte ließe er druck­en: „Olivi­er Latry – kämpferisch­er Organist“.
Solcher­art und gespräch­sweise (ergänzt durch illus­tri­erende Fotografien) entste­ht ein inten­sives Porträt des inzwis­chen sechzigjähri­gen gläu­bi­gen Men­schen und engagierten Musik­ers. Das hier Nachzule­sende macht unmit­tel­bar deut­lich, in welchem Maße pro­funde Pro­fes­sion­al­ität und Lei­den­schaft, aber auch Respekt im Umgang mit all den Facetten (s)eines „Lebens für die Orgel“ im kün­st­lerischen und spir­ituellen Wirken Olivi­er Latrys gle­ich­berechtigt ineinandergreifen.

Gun­ther Diehl